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Heinrich Hauser: WETTER IM OSTEN

Neu im Dezember 2017

Die preußische provinz ostpreußen war von 1871 bis 1945 der östlichste landesteil deutschlands. Hier herrschten adelige gutsbesitzer, die große ländereien besaßen, getreide und kartoffeln anbauten und oft auch pferdezucht betrieben.
Nach dem ersten weltkrieg beschlossen die siegermächte im versailler friedensvertrag von 1918, große teile westpreußens, danzig, die ostpreußische stadt soldau und das memelgebiet vom deutschen reich abzutrennen und dem polnischen staat zu übertragen. Ostpreußen wurde durch den polnischen korridor, einen 30 bis 90 kilometer breiten landstreifen, der polen den zugang zur ostsee ermöglichte, vom deutschen reich getrennt und somit eine exklave.
Ostpreußen geriet durch den korridor in eine wirtschaftliche isolation, die sich in der weltagrarkrise 1928 zu einer notlage entwickelte.
Hitlers besuch in ostpreußen (1932) war ein triumph; von weiten kreisen der bevölkerung wurde er als retter verstanden. Innerhalb der kriegtreiberischen und rassistischen NS-ideologie vom volk ohne raum (hans grimm) kam ostpreußen ein wesentlicher stellenwert zu.
Im und nach dem zweiten weltkrieg wurden millionen deutsche aus ostpreußen vertrieben. Vorbehaltlich einer endgültigen friedensregelung wurde die region geteilt, bekam neue grenzen, neue bewohner und neue städtenamen. Der nördliche teil wurde sowjetisch (region kaliningrad oblast), der südliche polnisch (region ermland-masuren). Beide regionen entwickelten sich in den folgenden jahrzehnten sehr unterschiedlich.
In der BRD wurde ostpreußen jahrzehntelang zum nostalgischen symbol für menschen, die von dort vertrieben worden waren, sowie zum ideologem für reaktionäre vertriebenenverbände.
1990 erfolgte die endgültige friedensregelung im zwei-plus-vier-vertrag. Dieser legte dann die oder-neiße-linie als ultimative grenze zwischen deutschland und polen fest.

Heutzutage ist ostpreußen ein historischer begriff, der in der medialen öffentlichkeit keine streitgespräche oder emotionalen aufwallungen mehr stimulieren kann. Die regionen wurden zum ziel von urlaubsreisen, auch zu meist behutsamer anknüpfung an individuelle familiengeschichte(n). Wer sich fragt, wie war es denn damals wirklich, findet (auf deutsch) wenig mehr als nostalgisch geprägte erinnerungsliteratur. Heinrich hausers hier erstmalig wiederveröffentlichte reportage von 1932 geht weit darüber hinaus. Dabei verringert auch seine NS-apologetische tendenz kaum den informationsgehalt.

Die vorliegende reportage ist – trotz der offen ausgesprochenen nationalistischen und NS orientierten haltung – weitgehend an paragmatischen sachfragen orientiert, wie auch andere arbeiten des autors. Hauser will verstehen, wie der soziale alltag funktioniert, das miteinander von mensch & natur & technik: arbeitsabläufe, handwerkszeug, geräte, vieh, dessen nahrung und milchertrag, Kleidung, Hausbau, Finanzen, wetter und unzählige weitere bestandteile des einfachen lebens. Das alles bildet in hausers buch nicht nur ein folkloristisches gewürz, sondern ist die essenz seines interesses, seiner zustimmung oder seiner kritik.
Dabei versucht er meines erachtens relativ vorurteilsfrei, sich in ostpreußen zu informieren über politische umstände, kräfte, intentionen. Seine einigermaßen idealistisch-naive affinität zu NS-ideologischen axiomen ist unverkennbar; vor allem ein "Bevölkerungsdruck" im deutschen reich sowie eine notwendigkeit, das deutsche reich durch einen "Menschenwall" im osten vor "den Russen" zu schützen, sind ideologische axiome, in denen er sich wiederfindet. Das diskreditiert die redlichkeit seiner reportage nicht mehr als jedes andere soziale, gesellschaftliche, politische axiom, wie sie jeder von uns, auch jeder reporter, in sich hat.

Ein schwerpunkt des buches liegt in hausers überlegungen zur ostpreußischen siedlungspolitik. Die praxis der siedlungsgesellschaften kritisiert er ebenso wie die bürokratische konkurrenz zwischen reichs- und preußischer verwaltung zu lasten der ostpreußenhilfe. Ein weiteres problem sieht er im fehlen von genossenschaftlicher zusammenarbeit, dem gemeinsamem nutzen von landwirtschaftlichen maschinen. Die schuld daran sieht hauser vor allem in ressentiments einer "engstirnigen Politik" mit "romantisch-reaktionären Vorstellungen vom Wesen eines Bauern", die jede gemeinschaftliche nutzung von arbeitsgeräten als "kommunistische Ideen" diskriminierte. Viele Neusiedler waren – so hauser – als ehemalige industriearbeiter längst gewohnt, maschinen kollektiv zu nutzen. Der autor plädiert unmißverständlich für landwirtschaftliche produktionsgenossenschaften (wie es später in der DDR hieß: LPG), die zudem die erfahrung des kollektiven arbeitens aus dem damaligen Freiwilligen Arbeitsdienst (FAD, - seit 1931) nutzen könnten.
Gegenüber der einseitigen verherrlichung des bauernstands bei den nazis findet sich hier (und in anderen werken hausers) eine umfassende wertschätzung aller handwerklichen tätigkeiten /produkte /werkzeuge einschließlich der industriearbeitern gegenüber handel und kapitalismus. Zugleich zeigt sich hier wie in anderen arbeiten des autors seine grundlegende sensibilität und achtung der natur gegenüber.

Hausers reportage vermittelt – anhand der modellhaften situation ostpreußen – das gesellschaftliche klima, in dem die massenhafte zustimmung zu den nazis in gesamtdeutschland zum naheliegenden nächsten schritt wurde. Dieses klima setzt sich zusammen aus unzähligen färbungen des alltagsbewußtseins, die als einzelne relativ belanglos sind. Auf diese weise funktionieren ideologische prozesse in jeder gesellschaft, dieses subtile einfärben von aussagen gehört zum handwerkszeug der allermeisten politiker und bestimmter massenmedien. Am anfang steht jedoch immer ein genuiner prozeß der affektiven besetzung individueller meinungen.
Soll die wiederveröffentlichung dieses buches also verständnis heischen für damalige NS anhänger? In einer weise durchaus. Aus zeitzeugenberichten wie der hier vorliegenden könnten wir lernen, welche folgen es haben kann, wenn eine mehrheit der bevölkerung sozialem abbau, diskriminierung durch die eigene bürokratie und struktureller hoffnungslosigkeit unterworfen ist – und dann eine rattenfängerpartei zur agitation bereitsteht. Das gilt damals wie heute, hier wie dort.

(Aus dem nachwort)

Wiederveröffentlicht wurde von heinrich hauser bei A+C bereits das autobiografisch orientierte buch  KAMPF. Geschichte einer Jugend (1934). Sein erster roman DAS ZWANZIGSTE JAHR (1925) erscheint in neuauflage bei A+C im frühsommer 2018. - Weitere neuveröffentlichungen aus hausers werk besorgte der WEIDLE VERLAG Bonn.

 

 
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