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Zivia Lubetkin: DIE LETZTEN TAGE DES WARSCHAUER GETTOS

Neu im Juli 2019

Mit einem Beitrag von Edith Laudowicz: Widerstand der Frauen im Warschauer Ghetto

Zivia Lubetkin (auch Cywia Lubetkin; Zivia Lubetkin-Zuckerman; Celina Lubetkin; Zivia Cukerman) (1914–1978) war eine jüdische Widerstandskämpferin im besetzten Polen, zionistische Funktionärin und Kibbuznik. Im Warschauer Ghetto war sie 1942 Mitgründerin der Widerstandsgruppe Jüdische Kampforganisation (ŻOB), die im Januar 1943 unter der Leitung von Mordechaj Anielewicz eine bewaffnete Widerstandsaktion gegen die Deportationen durchführte. Im April 1943 war sie eine Organisatorin beim Aufstand im Warschauer Ghetto.

Zivia Lubetkins Augenzeugenbericht DIE LETZTEN TAGE DES WARSCHAUER GETTOS erschien auf hebräisch bei En charod 1947, auf deutsch zunächst in "Neue Auslese". Hg. Alliierter Informationsdienst, 3. Jg. Heft 1, 1948, S. 1–13. Darauf folgte eine selbständige Publikation im VVN-Verlag, Berlin 1949. Als Nachwort wurde dort ein Artikel Friedrich Wolfs aus der Weltbühne hinzugefügt. Dieses Büchlein ist Quelle dieser erstmaligen Wiederveröffentlichung auf Deutsch.

Diese kostenfreie online-Ausgabe enthält neben Nachwort und Literaturhinweisen des Herausgebers einen Beitrag von Edith Laudowicz: Widerstand der Frauen im Warschauer Ghetto.

 

 
Kurt Münzer: DELA GARD oder KUNST UND LEBEN IN BERLIN

Neu im Juni 2019

Aus dem milieu einer assimilierten jüdischen familie (wie kurt münzers elternhaus es war) erwächst adelaide (dela), die erste hauptfigur des berliner geschehens: "Was geht es einen weiter an, was Fremde denken! Mutter und Tanten und Kaufleute! Das kleine Mädchen fühlt, daß gar kein Zusammenhang da ist zwischen ihr und irgendwelchen anderen. Mutter und Tanten, das sind wohl auch nur Namen und Titel wie Kaufmann oder Doktor oder Müller und Lehmann. Oder Mutter ist eben ein Beruf, zu pflegen und zu unterrichten und zu behüten. Jedes Kind hat so eine Frau, die es ernährt, oft haben auch mehrere zusammen eine, was aber für beide Teile weniger hübsch sein muß. (…) Eltern – das kleine Mädchen kennt dieses Wort nur als einen Begriff. Sie ist neun Jahre und weiß, daß jeder allein ist."

Bäume und bäumen, wind, sonne und regen: natur bildet die ihre brücke zur großstadt berlin. An vertrautes anknüpfende eindrücke – regenfeuchte straßen, lichter aus den fenstern, klavierübungen aus einer fremden wohnung, schwere schritte auf dem hof, lachende kinder, der geruch aus einem geschäft – geleiten zu unvertrauten, nicht zuletzt zur vielfalt der menschen – ihrer mimik und körpersprache, ihren empfindungen und ihrer lebensweise, zur choreografie ihrer kommunikation. Aber noch lange zeit steht dela gard diesem mitmenschlichen leben fremd gegenüber … allein ihre augen sind offen für das leben der stadt.

Münzers romane (und schon dieser) sind voller tragischer konstellationen – also kaum etwas für heutige lese-, denk- und empfindungskoventionen. Andererseits führen seine geschichten über die tragik hinaus: wenn die protagonistInnen nur ihre individualität annehmen würden: "Da zerbrechen sie sich den Kopf um allgemein gültige Lebensformen. Gönnt doch jedem sein besonderes Schicksal!" Darin gehört er zur avantgarde. Münzers tiefes verständnis für die gesellschaftliche situation von frauen, ihre gefangenheit in den vorgaben der frauenrolle, ihre erfahrung von männlicher selbstherrlichkeit und vergewaltigung (auch in der ehe) macht ihn zum feministischen autor.

In einigen romanen kurt münzers ist BERLIN die eigentliche hauptfigur, verabscheut und geliebt, aber immer im bemühen, sie zu fassen, zu begreifen, sie in der künstlerischen formung zu bewältigen. – Hier ist es berlin als stadt der bauinvestoren und -spekulanten, die zeit der ausdehnung in den westen: tiergarten, kurfürstendamm, charlottenburg, kantstaße, wilmersdorfer straße, grunewald. Das berlin der wende zum 20 jahrhundert, ein "Exerzierfeld der Moderne" , wurde zum nährboden kritischer, kreativer individualisten – nicht sehr anders als jetzt, an der wende zum 21. jahrhundert, nach dem ende von westberlin & hauptstadt der DDR!

DELA GARD ODER KUNST & LEBEN IN BERLIN ist der roman des neuen berliner westens mit seinen neureichen und den selbsternannten künstlerischen und intellektuellen avantgardisten, – wie alfred döblins BERLIN ALEXANDERPLATZ (19 jahre später) zum roman der berliner mitte wurde. Es ist ein roman der nach der wahrheit der welt, nach kreativem ausdruck, nach selbstbestimmung suchenden minderheit der jungen generation um 1900. Im rückblick gesehen, steht kurt münzers früher roman in mancher hinsicht am auftakt des 20. jahrhunderts in deutschland. Nicht zuletzt dokumentiert es den einstieg in die sogenannten wilden 20er jahre, den kulturellen generationswandels, der gewöhnlich erst mit dem ende des ersten weltkriegs, der revolution 1919 verbunden wird! – Was ist leben, was ist kunst, was daran ist wahr, was unwahr? Oder allgemeiner: "Was haben denn Leben und Kunst miteinander zu tun?" Zweifellos eine lebensfrage des autors, die noch in anderen werken zum ausdruck kommt.

Jede arbeit dieses autors weckt neu bei mir die frage, was war kurt münzer wohl für ein mensch? Im vorliegenden roman steht der nicht weiter erklärte satz: "Die anderen alle waren jeder ein einzelner Mensch, er allein war ein vielfacher." Und findet sich, ebenso isoliert, eine erfahrung des michael munk: "An kühlen Nachmittagen stieg er zum Weißenstein hinauf. In der Nacht erreichte er den Gipfel. Lichter über, Lichter unter ihm. Weit hinein ins Land verstreut, einzeln, in glänzenden Haufen, in langen Zügen, schienen sie ein Spiegelbild des Himmels. Zwischen zwei Himmeln stand er so im finstern Raum. Er war das schlagende Herz der grenzenlosen Nacht, die fühlende Seele des Universums. Alles Menschliche löste sich von ihm, und er empfand ganz die Gottheit, deren Symbol er war. Die Welt zog sich in ihm zusammen, in ihm verdichtete sich zu einem Einzigen das tausendfach gespaltene Leben. Er war das große Bewußtsein, und um ihn war das totale Nichts, der leer dunkle Raum, der wartete, von ihm belebt zu werden."

Der roman DELA ODER KUNST & LEBEN IN BERLIN erschien 1910 unter dem originaltitel KINDER DER STADT. Dies hier ist, nach bald 100 jahren, die erste wiederveröffentlichung. Hinzugefügt wurden einige abbildungen aus dem damaligen berlin.

Von kurt münzer sind bei A+C bereits mehrere bücher wiederveröffentlicht worden! Siehe auch hier bei wikipedia.

 

 
Harriet v. Rathlef-Keilmann: ANASTASIA? – EINE UNBEKANNTE KÄMPFT UM IHRE IDENTITÄT

Neu im Juni 2019

 Aktualisierte Neuausgabe der Veröffentlichung von 1928, herausgegeben von Mondrian Graf v. Lüttichau

Am 17. Februar 1920 sprang eine junge Frau von der berliner Bendlerbrücke in den Landwehrkanal, im Versuch, sich das Leben zu nehmen. Sie wurde gerettet. Nach manchem Hin und Her stellte sich heraus, daß die Unbekannte sich als Anastasia verstand, eine der Zarentöchter, die offiziell zusammen mit der gesamten Zarenfamilie 1918 innerhalb der bolschewistischen Revolution ermordet worden war.

Durch Zeitungsmeldungen über die (angeblich) überlebende Zarentochter kam es zu Kontakten mit Menschen, die die Zarenfamilie gekannt hatten. Beweise für ihre Identität konnte die Unbekannte nicht liefern. Unter den BesucherInnen entstand eine wilde Mischung aus bestätigendem Erkennen von Einzelheiten, zutreffenden (privaten) Erinnerungen; andere Personen konnten oder wollten die Unbekannte jedoch nicht als Anastasia erkennen oder führten Indizien an, die gegen diese Identität sprachen. – So fing es an. Die Frage: Ist sie die wahre Anastasia oder nicht? beschäftigte von nun an über Jahrzehnte die Medien in allen europäischen Ländern und den USA, bewegte  unterschiedliche Menschen, die Anna Anderson (wie sie später genannt wurde) kennenlernten.

Die Unbekannte starb 1984; bis zuletzt hat sie die Wahrheit ihrer Identität mit der Großfürstin Anastasia aufrechterhalten. Aufgrund von DNA-Vergleichen gilt es jedoch seit zehn Jahren als bewiesen, daß die Unbekannte nicht die Zarentochter Anastasia war. – Aber so einfach ist das nicht.

Nach der Lektüre der hier erstmalig wiederveröffentlichten Primärquelle von Harriet Rathlef-Keilmann (1928) sowie des nuancierten Sachbuchs von Peter Kurth (1988) kann ich nur zu einem Schluß kommen: Diese Frau war Überlebende schwerer traumatischer Erfahrungen; mit einiger Wahrscheinlichkeit hatte sie zudem neurologische Ausfälle, die von Schädel Hirn-Traumatisierungen (Gewalteinwirkungen) herrühren können. – Ob sie die Zarentochter Anastasia ist, kann auch ich nicht wissen; nach allen Zeugnissen gehe ich allerdings davon aus. Diese Frage ist jedoch nicht Intention dieser Neuveröffentlichung.

Im Vorwort seines Buches schreibt Peter Kurth: "Alle, die Anastasia umgaben – die Großfürsten und Großfürstinnen im Exil, die ausländischen Cousins, die früheren zaristischen Heeresoffiziere und die listigen Kammerzofen –, hatten, wie sie, ihren festen Platz und ihren Lebenssinn verloren. ANASTASIA ist also ein Buch über Flüchtlinge. Es handelt von entwurzelten Menschen, die von einer für vollkommen gehaltenen Vergangenheit geblendet wurden, die einen tiefen Groll empfanden und durch ihre Unsicherheit gelähmt waren. Es handelt von qualvoller Unschlüssigkeit und gewaltigen Mißverständnissen. Und schließlich und vor allem ist es die Geschichte einer einst mächtigen Dynastie, deren Gesetze und Traditionen nicht ausreichen, ein plötzlich auftauchendes Problem zu meistern; es ist die Geschichte einer Familie, die während der Russischen Revolution dezimiert, im Exil zerstreut und dann aufgefordert wurde, eine gebrochene, labile und Gegenbeschuldigungen erhebende Frau zu akzeptieren, die nur wenige als normal, geschweige denn als einzige Erbin des Zaren anzuerkennen bereit waren. Die Antwort auf das Rätsel Anastasia liegt nicht in Rußland, sondern im Herzen der Familie Romanow, wo Stolz und äußerer Schein jedes Mitgefühl verdrängten und das ein menschliches Wesen zu einem Leben in einer schwer erträglichen Welt aus Vorwürfen und Zweifeln verdammte. (…) Ob die Streitursache in einer Verschwörung der einen oder anderen Fraktion zu suchen war, schrieb eine Freundin von Frau Anderson, ob in einer unglücklichen Abfolge von Zufällen oder bloß in blinden Vorurteilen und Ignoranz …, eine Tatsache fällt unter allen anderen auf: Es scheint der Fluch der Romanows zu sein, daß sie unfähig sind, ein offenes Wort miteinander zu sprechen. Die Auseinandersetzung hätte niemals vor einen Gerichtshof gebracht, sondern ohne Groll friedlich und gütlich geführt und im privaten Familienrat beigelegt werden müssen. "

Lothar Nobel, Arzt im berliner Mommsen Sanatorium, schrieb in seinem Gutachten (1925): "Über ihre Vergangenheit hört man von ihr nichts. Sie ist im Gegenteil ängstlich bemüht, jeder Frage dieser Art auszuweichen. (…) Dann wiederum sagt sie mir bei meiner Unterhaltung, es sei schrecklich, sie gebe sich die größte Mühe, all das Gräßliche, was sie erlebt habe, zu vergessen, und immer wieder käme jemand, um alles wieder aufzurühren, wodurch sie dann wieder traurig und verzweifelt wäre."  

Bei der Beschäftigung mit den vorliegenen Zeugnissen ging es mir nicht darum, irgendetwas zu beweisen, vielmehr möchte ich die innere Wahrheit der Unbekannten, ihre Identität mit sich selbst, in den Vordergrund stellen. Natürlich habe auch ich mich gefragt, ob sie es ist oder nicht. Ich weiß das nicht. Aber die Fülle ihrer nuancierten und affektiv (auch ichdyston!) besetzten Erinnerungen an Aspekte des (unbewiesenen) früheren Lebens, einschließlich nonverbaler Reminiszenzen, dies über das ganze spätere Leben hinweg und unterschiedlichen Personen gegenüber, würde bei Adaptation einer fremden Biografie die kognitiven, schauspielerischen Möglichkeiten wohl jedes Menschen übersteigen, auch bei einer psychopathologischen oder bewußt hochstaplerischen Variante. Auch Anastasias kontinuierliche Neigung, potentielle HelferInnen durch taktisch unkluges Verhalten gegen sich aufzubringen, läßt sich nicht vereinbaren mit der Intention, Glaubwürdigkeit für ein angemaßtes Schicksal zu erringen. Auch widerspricht es tiefenpsychologischer Erfahrung, daß jemand eine falsche Identität affektiv und intellektuell über 60 Jahre konsistent durchhält, ohne daß die ursprüngliche Identität aus Kindheit und Jugend gelegentlich in relevanter Weise zutage tritt. Das gilt auch für Psychotraumabetroffene mit dissoziativen Amnesien.

Die kriminalistische, paläopathologische, kriminalarchäologische Bedeutung von DNA-Analysen ist nicht zu bestreiten; Möglichkeiten, Methoden und Grenzen unterliegen jedoch der fortschreitenden Erkenntnis. Auch Irrtum, interessengeleiteter Mißbrauch und Schlampigkeit kann niemals ausgeschlossen werden. All dies gilt für jede Wissenschaftsdisziplin.

Harriet v. Rathlef-Keilmanns Buch von 1928 (Titel der Originalausgabe: Anastasia. Ein Frauenschicksal als Spiegel der Weltkatastrophe) steht im Mittelpunkt auch dieser aktualisierten neuen Veröffentlichung. Harriet Ellen Siderovna v. Rathlef-Keilmann (1887–1933) war Bildhauerin. Sie wuchs auf in Riga, zu jener Zeit Hauptstadt des russischen Gouvernements Livland, in einer assimilierten, großbürgerlichen, deutsch akkulturierten jüdischen Familie. – Mit ihrem Mann Harald v. Rathlef (1878–1944) hatte sie vier Kinder. – Auf Grund der Bürgerkriegswirren floh die Familie im Dezember 1918 nach Deutschland. Dort studierte Harriet Kunst, unter anderem im Bauhaus (Weimar). Unter den Einflüssen der Bauhaus-Werkmeister Gerhard Marcks, Johannes Itten und Lyonel Feininger wandte sich die Künstlerin ab vom bildhauerischen Naturalismus hin zum Expressionismus. – Ihre Eltern sowie einer der beiden Brüder wurden Opfer der nationalsozialistischen Deutschen. Wie einige ihrer Künstlerkollegen bereitete sich Harriet auf die Emigration nach Paris vor. Ein Blinddarmdurchbruch durchkreuzte ihre Pläne. Sie starb am 1. Mai 1933, nachdem eine befreundete Ärztin noch versucht hatte, in ihrem Schöneberger Atelier (An der Apostel-Kirche 14) per Not-OP ihr Leben zu retten. – Viele ihrer Werke sind verlorengegangen.

Schwerpunkt einer Veröffentlichung zum Thema Anastasia kann im Jahr 2019 nicht mehr die juristische, kriminalistische Argumentation sein. Für den öffentlichen Mainstream gibt es die "unumstößlichen Beweise" qua DNA; nur das zählt noch. Mein Schwerpunkt ist demgegenüber, wie schon angedeutet, die zwischenmenschliche Botschaft in diesem Schicksal. Da hat eine Frau lebenslang um ihre Identität gekämpft – und die Zeugnisse dieses Kampfes dokumentieren tiefe Anteilnahme derjenigen, mit denen sie zu tun hatte; sie berühren wohl noch heute die meisten Menschen. Ob sie es jetzt "wirklich" ist oder nicht, entkräftet die zwischenmenschliche Wahrheit dieses Geschehens nicht oder kaum. Menschliche Wahrheit findet sich auch in künstlerischen Werken (was wäre sonst Kunst?) – und wird nicht dadurch obsolet, daß wir wissen, es gab keine Tosca, gab keine Anna Karenina. Manches läßt sich nicht beweisen – außer durch seine Evidenz. Dazu gehört auch Liebe, gehören spirituelle Erfahrungen.

Zweiter Schwerpunkt der neuen Veröffentlichung sind die aus fachlicher Sicht heute offensichtlichen psychotraumatischen Folgeschädigungen der Unbekannten. Die entsprechenden Zeugnisse ihres Verhalten, ihrer Aussagen, ihrer Verweigerungen, ihres bekundeten Leids sind geradezu exemplarisch für entsprechende Symptomatik. Aber was ging in dieser Unbekannten vor, falls sie nicht die Zarentochter war?

(Aus der Einleitung zur Neuausgabe)

 

Zur Dokumentation der Primärquelle wurde zugleich das pdf der Originalausgabe veröffentlicht:

 
Mondrian graf v. lüttichau: DIE SINNSPRÜCHE DES LI BOYANG, GENANNT LAOTSE (2019)

 

Um die erste version meines versuchs einer annäherung an das 2400 jahre alte weisheitsbuch Dàodéjīng (Tao Te King) zu veröffentlichen, hatte ich 1981 den Verlag Autonomie + Chaos Heidelberg ins leben gerufen.

Mehr und mehr haben sich im laufe der jahrhunderte die bewußtseinsebenen ausdifferenziert, auf denen wirklichkeit (jenseits begrifflicher festlegungen) erfahrbar wird. In unserer zeit kann nur noch jeder einzelne an seinem platz zu machen versuchen, was er oder sie für angemessen hält. Wirklichkeitsgemäßes handeln auf eine bestimmte praxis festzulegen, ist nicht mehr möglich, denn jedes definieren trägt den keim der seit damals fortgeschrittenen verdinglichung (instrumentalisierung). Menschliche wahrnehmung und erfahrung ist ein vielfach verzweigter baum geworden; zur zeit des li boyang hatte der noch weit weniger äste, zweige, blüten und früchte. Verdinglichung und selbstentfremdung haben sich aufgebläht in einer weise, deren grundmuster li boyang 2300 jahre vor theodor w. adorno und max horkheimer beschrieben hat.

Dennoch können heutige soziale und politische konflikte zurückgeführt werden auf prozesse oder strukturen des menschlichen bewußtseins, wie sie in diesen 81 aphorismen kristallklar beschrieben werden. Alltägliche konflikte lassen sich begreifen durch DAO; von daher sind lösungen zu finden – noch heute. Diese uralten sinnsprüche sind das früheste plädoyer für herrschaftslose achtsamkeit und gegen entfremdung von der ganzheit des lebens. Allerdings müssen wir die hinweise des Dàodéjīng hinüberdenken in unsere sozialpsychologischen umstände.

Die tiefenökologische, sozialpsychologische weisheit des li boyang zeigt sich als konkrete orientierung an authentischem sein und handeln, – als gegenbewegung zu seelischer und bürokratischer verdinglichung.

Ab 2006 besann ich mich auf meine alte übertragung des Dàodéjīng, dachte nach über eine neuausgabe – da kam völlig überraschend das angebot einer veröffentlichung beim verlag Das klassische China. Jetzt entstand in schöner zusammenarbeit mit matthias claus seine bibliophile buchhandelsausgabe. Sie unterscheidet sich in wesentlichen nuancen von meiner ausgabe 1981. (Restexemplare sind über mich noch erhältlich.)

Die hier vorliegende ausgabe – wieder bei Autonomie und Chaos (online und kostenfrei) – ist nahezu textgleich mit der von matthias claus herausgegebenen version; es gibt nur einige wenige veränderungen. Enthalten sind wiederum die beiden briefe hermann schäfers (1978), hinzugekommen sind (sehr subjektive) literaturhinweise.

 

 
Merle Müller: ZEUGNISSE AUS DER RITUELLEN GEWALT (Erster und zweiter Teil)

 

Organisierte Rituelle Gewalt umfaßt physische, sexuelle und psychische Formen von Gewalt, die planmäßig und über lange Zeiträume ausgeübt werden, teilweise im Rahmen von Zeremonien / Ritualen. Die Opfer werden psychisch konditioniert, um sie gefügig zu machen für Kinderpornografie, Zwangsprostitution, teilweise auch satanistisch begründetem Morden an Babys.
Infolge der seit frühester Kindheit erfahrenen Traumatisierungen kommt es bei den Opfern häufig zur Ausbildung der Dissoziativen Identitätsstruktur (DIS, "Multiple Persönlichkeit"). Diese letzte Möglichkeit der Psyche, sich zu schützen, wird von Tätern ausgenutzt, um einzelne Persönlichkeitsanteile für bestimmte Zwecke einsetzen zu können. In diesem Zusammenhang berichten Betroffene von Konditionierungen, mit deren Hilfe "Programme" (posthypnotische Befehle oder Befehlsketten) verankert wurden (Mind Control). Auf diese Weise werden Opfer auch zu Gewalthandlungen gezwungen.
Aussagen über das Täterverhalten sind aufgrund von dissoziativer Abspaltung (Amnesie) sowie der durch Täter geschürten Drohungen, aber auch Schuld- und Schamgefühle der Opfer oft nur im Rahmen psychotherapeutischer Aufarbeitung möglich. Geheimhaltung, teilweise Anonymität von Tätern, Unbekanntheit der Tatorte und der oft große zeitliche Abstand erschweren eine strafrechtliche Verfolgung.

Merle Müller ist 40 Jahre alt, auch sie ist Viele (hat eine Dissoziative Identitätsstruktur). Seit dem dritten Lebensjahr ist sie der sexualisierten Gewalt ausgeliefert, – zunächst durch einen Großvater, dann durch den Vater, der schon das kleine Kind an Kumpane weitergegeben hat. Wie bei anderen Opfern von inzestuöser sexualisierter Gewalt gehörten neben solchen Drohungen auch Tiertötungen und darauf bezogene Morddrohungen und teufliche Doppelbotschaften zu den ersten Konditionierungen.
Konsequent wurden in der Kindheit durch die Täter dissoziative Abspaltungen (Persönlichkeiten, Anteile) "hergestellt" (im allgemeinen durch bewußt herbeigeführte Todesangst/Panik) und zu bestimmten Aufgaben konditioniert.
Merle & Co. und andere Opfer solcher Tätergruppen sind lebenslang versklavt, sie kennen es nicht anders, als daß sie Objekt sind, daß es ihr Daseinszweck zu sein scheint, die Forderungen anderer zu erfüllen. Sobald sich Widerstand regt, wird die Schraube der Folter, des Terrors mal kurz angedreht; so ist es noch heute.

Bei Merle & Co, die nur in sehr eingeschränkter Weise erwachsen werden konnte, lebt letztlich noch immer die kreatürliche, kindliche Erwartung, daß tatsächlich zeitnah geholfen wird, sobald Außenstehende von den Schrecklichkeiten erfahren und "es glauben". Demgegenüber sahen und sehen sich Merles Persönlichkeiten einer Flut von organisatorisch-administrativen Zusammenhängen und Begründungen gegenüber, die alle darauf hinauslaufen, daß Hilfe auch jetzt noch von unübersehbar vielen Bedingungen abhängt und sozusagen in den Sternen steht. Das wirkt wie Verhöhnung durch denjengen, der doch beteuert, daß er helfen will!

"Ich kann nicht verstehen, warum die mich nehmen!? Was an mir falsch ist! Was mich so billig macht! Bin ich so viel dümmer, als die anderen? Es geht nicht in meinen Verstand, wie Menschen, Kinder wie Scheiße, wie Dreck, wie Abfall behandeln, benutzen können? Ständig stelle ich mir die Frage, was ich gemacht habe? Zu böse war?" – Nele (12) war zu diesem Zeitpunkt noch in der Realität der Kindheit. Der gleichalte Anteil Doris ist dagegen bereits in der Gegenwart und erinnert sich an die Kindheit, in der sie zu anderem Zweck als Nele konditioniert wurde: "Gut vielleicht bin ich ein Spätentwickler aber das die ganzen bösen Menschen mit mir Sex machen wusste ich da nicht das es falsch ist. Eben erst jetzt durch dich. Ich erinnere an einen Satz. Das machen nur die mit dir die dich ganz besonders liebhaben! Es ging darum es keinem zu sagen weil die mich dann nicht mehr lieb haben werden sondern nur sehr böse auf mich werden."

Was Opfer von jahrelanger, seit der Kindheit bestehender sexualisierter Gewalt abhält, Hilfe zu suchen, ist bei Merle & Co. und wohl auch bei anderen Opfern nicht vorrangig die Gewalt, der sie selbst ausgesetzt sind. Es gibt andere Faktoren, die jedoch manchmal zu wenig berücksichtigt werden von HelferInnen aller Professionen. Die Überzeugung, selbst schuldig geworden zu sein, selbst böse zu sein, Hilfe nicht zu verdienen, steht an erster Stelle. Dabei spielen ungewollte sexuelle Empfindungen während der sexualisierten Gewalt eine entscheidende Rolle. Scham, die Überzeugung, Außenstehende könnten sich vor ihnen nur ekeln, aber auch die Überzeugung, sie seien genauso böse wie die Täter. Dann die jahrzehntelange Erfahrung, daß Außenstehende, deren Aufgabe das Helfen ist, nicht zuhören, nichts verstehen und fehlinterpretieren. Bürokratische Mechanismen und organisatorische Begrenzungen wirken sich aus, als steckten Täterinteressen dahinter. Zumal Täter ihnen einreden, daß niemand sich für ihr Schicksal interessiert bzw. Behörden, Polizisten zu ihnen (den Tätern) gehörten. Eine andere, kaum überwindbare Hürde sind Drohungen der Täter, Angehörigen zu schaden, sie zu töten, falls das versklavte Opfer auszusteigen versucht.

Nur in Kooperation möglichst vieler Anteile kann die Befreiung von den Tätern (durch Mithilfe äußerer Helfer) organisiert werden. Jedoch ist das dazu nötige Co-Bewußtsein, also das Auflösen amnestischer Barrieren, bei bestehender Tätergewalt nur sehr eingeschränkt möglich, da ja gerade die amnestischen Abspaltungen das seelische Überleben angesichts der tagtäglichen brutalen Gewalt ermöglicht hat; – ein Teufelskreis (nicht der einzige)!

Ein besondere Schwierigkeit liegt (wie meist zu Beginn der therapeutischen Arbeit mit Multis) darin, der bisherigen Außenpersönlichkeit die Realität der Tätergewalt zu vermitteln. Merle ist am Funktionieren eines konventionellen Alltags, an den guten, liebevollen Aspekten des Lebens orientiert, ist ihrer Tochter wertschätzend, achtsam zugewandt: "Ich will doch nur eine Mama sein." Wie sollte sie die grauenhaften Tatsachen damit vereinbaren?! "Das was ich träume, kann unmöglich wirklich sein! Das ist zu schrecklich!!!!" Andererseits war sie für lange Zeit die einzige an der Außenwelt orientierte erwachsene Teilpersönlichkeit, insofern unverzichtbar für die Organisation der Befreiung.

Die Opfer sind seit ihrem Lebensbeginn isoliert von der ganzen menschlichen Gemeinschaft – sie wissen kaum etwas von ihr, gehen davon aus, die ganze Welt ist so wie die Täter. Es ist die reale Hölle, in der sie sich fühlen. Sie können sich niemandem offenbaren. Und viele von ihnen (vor allem die kindlichen Anteile) denken, sie selbst seien schuld an dem Schrecklichen. Sie tun fast alles nur mögliche, um die Bezugspersonen zufriedenzustellen, geliebt zu werden von ihnen. Der Anführer der Tätergruppe, die Merle & Co. versklavt, läßt sich aus gutem Grund "Vati" nennen. – "Vati nimt mit Past auf läst nicht allein hat ganz lieb Mus nur lieb sein nichts Sagen dürfen fein spilen dan tut nicht so weh artig sein", schreibt ein Kinderanteil im Flashback.
Daneben gibt es noch ein anderes, genauso wirkungsvolles Druckmittel, das solche Täter ihren Opfern seit der frühen Kindheit einbleuen: die Drohung, andere zu schädigen, die dem Opfer lieb sind. Bei Merle & Co. war das zunächst ein Meerschweinchen, das der Vater vor den Augen der Siebenjährigen tötete. Später wurde eine Katze gequält, aber bald kam die Drohung: "Das was ich mit dir mache ist noch lange nicht alles! Es hört nicht auf! Keiner hilft. Du sagst kein Wort sonst tun wir dasselbe mit deiner Schwester! Das alles ist allein deine Schuld! Du wolltest es so! Sei still sonst schlitze ich dich auf!"

Wir alle entwickeln in der Kindheit und Jugend Vorstellungen von uns selbst, von anderen Menschen und von der Welt, dem Leben, die auf unseren (kindlichen) Erfahrungen einschließlich der "pädagogischen" Einwirkungen anderer beruhen (theory of mind, ToM). Wenn jemand bereits als Kind in einer nahezu hermetischen Täter-Hölle ohne auch nur einigermaßen freie Entfaltung des Bewußtseins in die Welt hinaus aufwächst, kann sich bei ihm nur eine spiegelbildliche, ebenfalls hermetische, rekursive und dichotomische theory of mind entwickeln. Dies wird in der vorliegenden Dokumentation deutlich. Auch aus diesem Grund müssen wohl nicht wenige erwachsene Opfer entsprechender Tätergruppen als hilflose Personen verstanden und entsprechend (auch gemäß SGB XII) unterstützt werden.

Viele Anteile bei Merle & Co. wollen befreit werden, würden auch aussagen vor den Strafverfolgungsgehörden – wären da nicht die Drohungen der Täter, in diesem Fall die Tochter Amelie zu töten. Seit früher Kindheit haben Täter den Anteilen bewiesen, daß sie töten können. Zuerst ein Meerschweinchen, dann eine Katze, dann das erste eigene Kind, da war Merle zwölf Jahre alt. Später andere Babys, fremde wie auch eigene.

Die Existenz der Organisierten Rituellen Gewalt wird mittlerweile kaum mehr bestritten; Strafverfolgungsbehörden verweisen jedoch auf die Schwierigkeit, beweisbare Tatbestände zu finden. Nachvollziehbar, wenn die Taten viele Jahre in der Vergangenheit liegen. Hier aber geht es um gegenwärtige, tagtägliche Schrecklichkeiten! Es geht um den Hilferuf eines Opfers an die Gesellschaft, deren zufällige Adressaten die Fachkräfte der Traumastation einer Universitätsklinik und ich sind.
Befreiung in dieser Situation erfordert die tätige Unterstützung staatlicher Institutionen. Es geht um dauerhaften Schutz für Mutter und Tochter. Das ist von einzelnen HelferInnen nicht zu leisten, hierfür bedarf es der organistoriaschen Kooperation verschiedener staatlicher und gemeinnütziger Stellen. Dies wiederum setzt zumindest grundlegende Kenntnisse über die psychische Situation entsprechender Überlebender voraus. Ein wesentlicher Aspekt dabei ist, daß solche Opfer in mancher Hinsicht keine selbstverantwortlich entscheidungsfähigen Erwachsenen sind, sondern hilflose Personen. Dies auch dann, wenn einzelne dissoziative Anteile sehr kompetent sind innerhalb ihrer Aufgaben im Alltag. Hilflose Person ist allerdings nicht im Sinne einer psychischen, somatischen oder kognitiven Beeinträchtigung zu verstehen, vielmehr eher so, wie Kinder hilflos sind.

Anlaß dieser Veröffentlichung ist es, Merle Müllers Hilfeschrei einer weiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen, – den Menschen die Augen zu öffnen, wie Doris mehrfach betont hat. Ist es möglich, daß in einem der reichsten Länder der Erde die öffentlichen, staatlichen Stellen solche Opfer ihrem Schicksal überlassen – oder der zufälligen und unzureichenden Unterstützung einzelner TherapeutInnen und Angehöriger? Daß das staatliche Gewaltmonopol hier nicht tätig wird? Daß die polizeiliche Aufgabe der Gefahrenabwehr hier nicht trägt?
Die Mails von Merle & Co. stehen für ungeschriebene Zeugnisse hunderter Opfer. Zu wenig, um staatliches Handeln zu rechtfertigen?

Ein weiterer Schwerpunkt dieser Veröffentlichung ist es, die konkrete Situation, die Reflexion, das Empfinden von Menschen (zumeist Frauen) zu verdeutlichen, die von Tätergruppen des organisierten Verbrechens versklavt werden: Menschenhandel, Zwangsprostitution, Rituelle Gewalt, Mind Control. Das sind nicht einfach Menschen mit einer abgrenzbaren und dignostizierbaren "Störung", sondern jede von ihnen ist eine menschliche Ganzheit, die in schwer nachvollziehbarer Weise in jeder Minute um ihre Integrität, letztlich um ihr Überleben kämpft. Und dies nicht in afrikanischen oder asiatischen Kriegsgebieten oder verirrt im Dschungel, auch nicht im KZ der Nazis, sondern hier unter uns, umgeben von Mitmenschen … und doch wie unsichtbar. Im öffentlichen Diskurs kommen sie nicht (oder kaum) vor. Niemand kommt auf sie zu und reicht ihnen die Hand. Noch immer lebt tief in ihrem Innern die Überzeugung, daß "helfen" etwas Natürliches ist, ein Grundbestandteil des menschlichen Lebens, – aber es geschieht nicht. Niemand hilft, Jahr um Jahr nicht. Institutionalisierte HelferInnen wenden sich ab, sofern das entsprechende Betreuungssetting von den Betroffenen nicht genutzt werden kann oder sobald die Finanzierung ausläuft. "Wenn nicht der größte Teil der Innenpersönlichkeiten die Befreiung von den Tätern befürworten und unterstützen, ist ein Ausstieg, ist Therapie nicht möglich." So oder ähnlich steht es in Fachbüchern. Aber der Satz ist unvollständig. Ein Ausstieg ist dann angesichts der kaum vorhandenen staatlichen Unterstützung nicht möglich! – Derselbe blinde Fleck mußte überwunden werden, als es um die schulische Integration (später: die Inklusion) körperlich wie psychisch und kognitiv beeinträchtigter Mitmenschen ging. Wer würde infrage stellen, daß Merle Müller (und viele andere Überlebende derartiger jahrezehntelanger Folter und Konditionierung/Mind Control) zu dem durch die Behindertenrechtskonvention der UN gemeinten Personenkreis gehört?

Durch das hier vorliegende Zeugnis wird nachvollziehbar, daß das Eingreifen von Strafverfolgungsorganen bei erwachsenen Opfern von Ritueller Gewalt (mit DIS) sich orientieren muß an kindlichen Opfern von Straftaten: es kann nicht gewartet werden, bis das Opfer selbst sich äußert – aufgrund der Ängste und der entwicklungspsychologischen Struktur des Persönlichkeitssystems wird dies eventuell nie geschehen. Für Opfer von Ritueller Gewalt bei bestehender Tätergewalt sind spezielle Anlaufmöglichkeiten nötig. Geschützte Lebenssituationen und interdisziplinäre Vernetzungen müssen zur Verfügung stehen bereits vor der Befreiung. (Dies gilt analog zu Opfern von Zwangsprostitution, die als Erwachsene eingeschleust wurden.) Schutz, auch von eventuellen Kindern (die als Drohung genutzt werden), muß vorrangig sein (analog zu Frauenhäusern). – Die gnadenlose soziale Isoliertheit solcher versklavten Opfer (jedenfalls der allermeisten Persönlichkeitsanteile) ist ein Grundproblem, das Fehlen jeder Erfahrung mit der konventionellen Alltagswelt ein anderes. Wegen der durchgängig schlechten Erfahrungen mit anderen Menschen gibt es kaum Hoffnung auf Hilfsmöglichkeiten in der Außenwelt. Durch entsprechende Öffentlichkeitsarbeit sollte sowohl die Existenz solcher Tatzusammenhänge als auch von Anlaufstellen verbreitet werden. Die Tabuisierung des Themas – weil wir alle solche Schrecklichkeiten nicht wahrhaben wollen und eventuell auch aus anderen Gründen – muß aufgelöst werden.
Menschen in der Gewalt solcher Täterkreise, seien sie noch Kinder oder schon (nominell) Erwachsene, fallen offenbar durch das Netz der administrativen Unterstützungsmöglichkeiten. "Wir tun alles Menschenmögliche!" heißt es häufig bei polizeilichen Pressesprechern, sofern Gewaltverbrechen öffentliche Aufmerksamkeit erreichen. Gilt dies auch bei Gewaltopern wie Merle Müller?

Traumatherapeutische Fachbücher zum Thema Organisierte Rituelle Gewalt sind unersetzbar, über die subjektiven Empfindungen von Opfern können solche Veröffentlichungen kaum etwas vermitteln. Die Realität von multiplen Teilpersönlichkeiten in ihrer (Mit-) Menschlichkeit, ihrem Alternieren zwischen innen und außen, zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen unterschiedlichen Quellen von Erfahrung und Wissen wird für uns "Unos" (nicht multiple Menschen) wohl immer extrem schwer nachzuempfinden, also letztlich: glaubhaft sein. Eine grundlegende affektive Nähe zu solchen Betroffenen dürfte jedoch Voraussetzung sein, um Opfer extremer Gewalt mit DIS nachhaltig zu unterstützen. Autobiografische Zeugnisse, Selbstberichte und auch die hier vorliegende Dokumentation sind für TherpeutInnen und andere HelferInnen unverzichtbare Ergänzungen der konzeptionell und notwendigerweise verallgemeinernd angelegten Fachveröffentlichungen.

Was tun also? Die Augen zumachen, Merle Müller (und andere Opfer in vergleichbarer Situation) ihrem Schicksal überlassen – mit Verweis auf die Beschränktheit der sozialen, staatlichen, finanziellen, politischen, individuellen Hilfsmöglichkeiten? Gehen die Interessen der Täter und unsere (diejenigen der ganz normalen Bürger) hier konform? Zumindest in ihrer gnadenlosen, bewußt-losen Orientierung an einer beziehungslosen Sexualität sowie an der finanziellen Verwertung von Menschen um jeden Preis stehen diese Täter der gesellschaftlichen Normalität grundsätzlich näher als ihre Opfer.
(Aus der Einleitung)

Die beiden umfangreichen Teile der Dokumentation enthalten den (helferischen und freundschaftlichen) Mailaustausch zwischen verschiedenen Teilpersönlichkeiten von Merle Müller und mir aus den Jahren 2017 und 2018. Der Kontakt besteht fort.
Merle Müller ist noch immer in der Gewalt der Täter.

Erster Teil: WIRD KEINER HELFEN ?
auc-116-merle-mueller-helfen.pdfalt 7,2 MB

Zweiter Teil: VATI HAT MICH !
auc-117-merle-vati.pdfalt 6,1 MB

 
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