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Jeannette Lander: EIN SOMMER IN DER WOCHE DER ITKE K.

Neu im Juli 2017

Georgia, USA, 1944/45. – Jeannette Landers erster Roman bewahrt Momente einer Lebenswelt, die bald darauf verlorenging im zunehmend aggressiven Kampf der farbigen Amerikaner um ihre Bürgerrechte und gegen die traditionelle, strukturelle Gewalt der Weißen. Das Buch handelt von einer wohl seltenen lokalen Konstellation in den Südstaaten der USA, in der Fremdenfeindlichkeit, Rassismus sich aufzulösen schien, in der eine Heilung der babylonische Sprachzersplitterung vorstellbar schien. Aber es war nur eine dünne, wenig tragfähige Schicht Humanität über der Gewalt, dem Rassenhaß, der vorteilsbedachten gegenseitigen Ausgrenzung – auf seiten der Weißen wie der Schwarzen.

Erzählt wird durchgängig aus dem kognitiven und affektiven Blickwinkel der vierzehnjährigen Itke. Die drei Lebenskreise ihrer Kindheit, "der jiddischamerikanische, der schwarzafrikanische und der weißprotestantische", nicht zuletzt die Sprachwelten verdichten sich zu vielfältig-schamanischen Bedeutungszusammenhängen, einer Alchimie der Erfahrungen. Zwei Schwerpunkte hat diese Kindheit (im wesentlichen zweifellos diejenige der Autorin): die Sehnsucht all dieser Menschen nach einem einfachen Leben miteinander, nach Frieden und mitmenschlicher Wärme, – und andererseits die Auswirkungen einer Welt der Jim Crow-Gesetze, der Rassentrennung: Mißachtung, Gewalt, Mißtrauen, Demütigung, Resignation, hilfloses situatives Aufbegehren. Daneben die informellen Hierarchien: zwischen helleren und dunkleren Farbigen, besser und schlechter Ausgebildeten; es gibt die Verordnungen einer indolent-menschenverachtenden Bürokratie, dann das lokale Establishment der Weißen, davon abgegrenzt die armen Weißen, und nochmal darunter die Juden (also auch Itkes Elternhaus), mit denen zumindest bestimmte angloamerikanische Weiße sich nicht abgeben mögen. Doch auch zwischen Diaspora-Juden und in Amerika geborenen bestehen hierarchische Abgrenzungen. Dazu kommen Warenbeschränkungen und andere Auswirkungen des Zweiten Weltkriegs. Es gibt rituelle jüdische Vorschriften, die jedoch nur sehr flexibel eingehalten werden. Und das geschäftsbedingte Taktieren beim Vater, dem "karitativen Kaufmann" mit seiner "brüchigen Humanität". Dann das ganz Fremde der Farbigen: die gnadenlose Armseligkeit vieler, die Ekstase ihrer Gottesdienste, ihrer Tänze, Hoodoo Rituale. Hilflose Wut flackert auf zwischen einzelnen Menschen. Ahnungen von politischer, struktureller, traditioneller – ungreifbarer – Ungerechtigkeit und Gewalt. Und Sex – für manche AfroamerikanerInnen einzige Möglichkeit, selbstbestimmte Lebendigkeit zu entfalten; wodurch sie Weiße faszinieren und ihnen gelegentlich zum Vorbild werden. Basso continuo zu alldem ist die archaische, grell-heiße, üppige Natur des Südens.

In der Sprache dieses Romans kobolzt die kindliche Freude, Varianten, Assoziationen, Alliterationen und Neologismen auszuprobieren. Regeln zu Syntax, Zeitenfolge und Zeichensetzung haben nur periphere Bedeutung. Darin liegt die für Itke (das Kind) zweifellos vor allem kreative sprachliche Vielstimmigkeit, das teils regelhafte, teils spontan-zufällige soziale Durcheinander ihrer heimatlichen Szenerie: es sind Sprachbilder, nicht zuletzt Sprachwelten. Manche Szenen erinnern (mich) an James Joyce, an surrealistische oder dadaistische Kurzfilme, in anderen zerreißt jedes soziale Miteinander, brutal zeigt sich die Realität menschlicher Entfremdung und läßt uns hilflos am Rand des Textes zurück. Itkes polnisch-jiddische Eltern läßt die Autorin jiddisch reden – auch mit den afroamerikanischen KundInnen, deren Slang verblüffend authentisch ins Deutsche übertragen wurde.

Ein Sommer in der Woche der Itke K. erschien 1971 bzw. 1974. Diese erste Neuausgabe entstand in Kooperation mit der Autorin. Bestandteil der Wiederveröffentlichung ist die Audio-Datei ihrer Lesung aus dem Buch (siehe hier unterhalb).

Jeannette Lander starb am 20. Juni 2017.

 



Jeannette Lander • Lesung aus EIN SOMMER IN DER WOCHE DER ITKE K.



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Mathias Benedict Graf v. Lüttichau. Lucin 1881 – Zingst (Darß) 1947

Neu im Juni 2017

Unter "Familiengeschichte" verstehe ich das reale Geflecht miteinander verwandter Menschen – jenseits irgendwelcher traditioneller, geschlechtlicher, elitärer, finanzieller oder rassistischer Kategorisierungen: angeheiratet oder Namensträger von Geburt, weiblich oder männlich, ehelich oder außerehelich, Kolonialwarenhändler oder Bankdirektor, adelig oder bürgerlich, weiß oder farbig. Familiengeschichte kann auf diese Weise zum Impuls werden, Brücken zu schlagen zwischen Menschen, Neues zu verstehen aus ganz anderen mitmenschlichen Welten!

Als ich jetzt zu meiner großen Überraschung erfuhr, daß mein Großvater Mathias Benedict Graf v. Lüttichau (Thies) einen vorehelichen Sohn hatte, mit dem er in seinen letzten Lebensjahren in väterlich-zugewandtem Briefwechsel stand, wurde genau dies zum Anlaß für die hier vorliegende Veröffentlichung innerhalb der "Beiträge zur Familiengeschichte". Sie enthält von Mathias neben den Briefen an seinen ersten Sohn Karl Heinz Platzdasch frühe Gedichte sowie Tagebuchaufzeichnungen aus dem damaligen Deutsch-Südwestafrika (Namibia) von 1910. Dazu kommen Zeugnisse der Familie Platzdasch-Dargatz sowie Erinnerungen seines zweiten Sohnes Harald, eines Freundes von Thies sowie eine kleine Ahnentafel.

Bei der Lektüre der Briefe an Karl Heinz Platzdasch sowie der hier ebenfalls dokumentierten Tagebuchaufzeichnungen aus Namibia stellt sich die Frage: War Thies ein Rassist, ein Nazi? Oder wurde er einer? Oder war er ein taktischer Mitläufer, bedacht auf seine eigenen Vorteile? Wo war seine in den Briefen an seinen ersten Sohn und anderswo bezeugte mitmenschliche Aufmerksamkeit beim Hören von Hitler- und Goebbelsreden, bei all dem, was ja wohl auch er, in der Sand-und-Wasser-Einöde am äußersten Rand Deutschlands (oder spätestens bei seinem Einsatz im Stalag IIc Greifswald) mitbekommen haben mußte? – Was ist das überhaupt, ein Nazi zu sein? Solche Irritationen lassen sich kaum verdrängen.

Mittlerweile werden auch in der Öffentlichkeit Zeugnisse beachtet, die Aufschluß geben über die Gemengelage von Ideologemen und Traditionen, persönlichen Umständen und Interessen, die zusammengenommen den massenhaften Rückhalt des NS-Regimes in Deutschland bewirkt haben dürften.
Eine Grundlage dieser Gemengelage ist zweifellos das ideologische Sammelsurium, das seit dem Ende des Kaiserreichs durch Deutschland schwappte. Unterscheidliche Ideologeme waren Bestandteil des Welt- und Menschenbildes einzelner Bürger, andere wurden individuell abgelehnt. Und da das ideologische Syndrom des NS selbst ein Sammelsurium von (teilweise inkompatiblen) Elementen war, ergab sich in der deutschen Gesellschaft eine Fülle von individuellen politisch-gesellschaftlichen Standpunkten und Konsequenzen, sehr flexibles Rohmaterial für die nazistische Umerziehung der Bevölkerung.

Wollen wir es eigentlich noch so genau wissen? Zweckmäßig ist in jedemfall, über das Phänomen solcher komplexen, heterogenen Bewußtseinsinhalte nachzudenken, denn in unserer Zeit der von jedermann rezipierten (konsumierten) weltweiten Medien (als primäres Sozialisationsinstrument schon der Kinder) ist das nicht anders, nur noch komplexer, irisierender, unvorhersehbarer als damals. Nur sehr eingeschränkt und sporadisch wird derlei im Alltag reflektiert, vielmehr geht es vorrangig um affektive Besetzung von Ideologemen und Haltungen, um Meinungen, das heißt, solche aus der Gesellschaft kommenden Momente werden inkorporiert ins individuelle Selbst- und Weltgefühl.

Zum anderen aber sind wir es den Opfern der Nazis weiterhin schuldig, uns um Verständnis für diese Zusammenhänge zu bemühen – auch, weil es weiterhin Millionen Opfer von Rassismus, Völkermord, ideologisch begründeten Diktaturen und deren fanatisierten Anhängern gibt.

(Aus dem Nachwort)

 

 
Martin Puder: ADORNO - HORKHEIMER - BENJAMIN

 3. auflage (neuausgabe) im november 2016

 

Die vor allem mit THEODOR W. ADORNO und MAX HORKHEIMER verbundene, seit 1937 im exil entstandene Kritische Theorie ist seit langem aus dem öffentlichen interesse verdrängt worden. Assoziiert wird sie heutzutage zumeist mit dem ambivalenten verhältnis zwischen adorno und der protestbewegung ab 1968 sowie mit ihrer angeblichen weiterentwicklung durch jürgen habermas und dessen philosophische schüler. Die Kritische Theorie (im sinne horkheimers und adornos) wurde jedoch weder unwahr noch irrelevant. Im gegenteil – die weltweiten gesellschaftlich-politischen entwicklungen der letzten fünfzig jahre bestätigen in erschreckender prägnanz ihre analysen, hypothesen und antizipationen.

Als einer von wenigen hatte der junge philosophieprofessor martin puder anfang der 70er jahre zurückverwiesen auf essentielle aspekte der Kritischen Theorie, die in dieser zeit aus dem philosophischen wie dem gesellschaftspolitischen diskurs jener zeit zunehmend abgedrängt wurden. Puders verstummen in der publizistischen öffentlichkeit seit den 80er jahren bedeutet zweifellos eine lebensentscheidung. "Heute zielt alles darauf, die objektive Verzweiflung, die Adornos Philosophie motiviert, zu verscheuchen", schrieb er in einem essay.

Martin puders hier erstmals zusammengetragene essays sind mitreißende, sternschnuppenhaft funkelnde einführungen in momente der Kritischen Theorie (mit schwerpunkt auf adornos werk) nicht für fachwissenschaftler mit zwei professoralen generationen sekundärliteratur im hinterkopf, sondern für menschen, die vorrangig ihre eigenen erfahrungen zur grundlage der reflexion über die menschenwelt machen. Puders arbeiten verstehe ich vorrangig als anknüpfungspunkte, die dazu beitragen könnten, von adorno zu lernen für unsere zeit. "Um zu sehen, wie aktuell Adorno ist, muß man nur die Zeitung aufschlagen", sagte christoph türcke in seinem referat auf der Berliner Adorno Tagung 1989. Oder heutzutage im internet surfen.

Wohl als erster hatte michail gorbatschow ab 1986 auf die unabwendbare notwendigkeit einer "weltinnenpolitik" hingewiesen. Die katastrophe von tschernobyl, die von brutalster gewalt bestimmten bürgerkriege auch hier in europa, das flugzeugattentat auf das WTC, genozid und flüchtlingsströme, die überall auf der welt eskalierende umweltzerstörung, aber auch fundamentale soziologische und sozialpsychologische veränderungen im zusammenhang mit der informationstechnologie, neuerdings die irrationale eskalation zwischen NATO und dem russischen machtzentrum.. – nichts davon sollte uns überraschen; diese prozesse lassen sich zumindest strukturell verstehen auf grundlage von sozialphilosophischen konzeptionen und hypothesen der Kritischen Theorie. Reflektiert wird jedoch über sie (zumindest in den medien) vorrangig auf der ebene politisch-taktischer erwägungen und reaktionsmöglichkeiten. Bei politischen handlungsträgern ist das nicht unbedingt anders.

Der autor martin puder wurde 1938 geboren. er studierte 1956 bis 1961 in berlin germanistik und altphilologie. Nach dem staatsexamen war er über ein jahr in indien, indochina und japan. 1963 kehrte er nach westdeutschland zurück und begann in frankfurt philosophie zu studieren. Die promotion (mit einer arbeit über kant) erhielt er bei theodor w. adorno und jürgen habermas. Puder war bis zu seiner emeritierung professor für philosophie an der Leibniz-Universität Hannover. Öffentliche wortmeldungen von ihm gibt es nur bis 1985; er starb im jahr 2000.

Einige von martin puders aufsätze waren für mich in den 70er jahren erste orientierungshife im umkreis der Kritischen Theorie. In ihrem unprätentiösen engagement sind sie weiterhin lesenswert und selbst noch relevant. Sie sollten bewahrt werden; auch deshalb diese veröffentlichung.

Mein nachwort skizziert den standort der Kritischen Theorie während der 68er-zeit und gibt hinweise auf aktuelle arbeiten zu ihren intentionen und ihrer relevanz für das 21. jahrhundert.

Die 3., wesentlich erweiterte auflage november 2016 (neuausgabe) enthält zusätzlich die erstveröffentlichung einer vollständigen vorlesung martin puders: WIRKUNG UND ERFOLG DER KRITISCHEN THEORIE (hannover, WS 84/SS 85) sowie zwei weitere kleine texte. Ein schwerpunkt der vorlesung ist die bedeutung WALTER BENJAMINs innerhalb der Kritischen Theorie.

Diese neuausgabe enthält einige zusätzliche abbildungen, auch das nachwort wurde erweitert.

 

 
Irene Forbes-Mosse: DON JUANS TÖCHTER

Irene forbes-mosse lebte von 1864 bis 1946 als angehörige der preußischen oberschicht, jedoch über viele jahre in norditalien, unter künstlern, intellektuellen und offenbar auch in stetem kontakt mit der sogenannten arbeitenden bevölkerung. Ihre erzählungen vermitteln uns in überraschenden konstellationen und assoziationen, mit skurrilen formulierungen momente von alltagslebendigkeit, die bewahrt bleiben sollten nicht anders als musik, gemälde, literatur früherer zeiten: klänge, stimmungen, empfindungen, blicke auf die welt und individuelle impulse, die weitgehend verlorengegangen scheinen.

In manchen dieser novellen und erzählungen wird sinnlich nachvollziehbar, daß gesellschaftliche konventionen, tabus, idiosynkrasien und andere schrullen jener oberschicht (aus adligen – mit und ohne reichtümer – und bürgerlichen reichen) ein ebenso lebenswertes soziales system ergaben wie unsere heutigen konventionen, die uns cum grano salis selbstverständlich sind. Zweifellos gilt das für sämtliche gewachsenen gesellschaftlichen systeme, sei es in der antike oder auf borneo, im europäischen mittelalter oder im alten china. Und alle diese systeme haben ihre dunklen flecken, ihre speziellen formen von unterdrückung und zerstörung. Zur entwicklung des homo sapiens hin zu umfassender lebenswerten formen gehört – neben vielem anderen – auch das bewahren lebenswerter momente aus vergangenen zeiten, regionen und schichten. Dies betrifft nicht nur vom aussterben bedrohte völker außerhalb europas, sondern auch lebensweisen und empfindungen hier bei uns. – Bewahrt werden sollte nicht zuletzt sprechen und schreiben als individuelle ausdrucksform, die heutzutage zunehmend der gleichschaltung durch massenmedien und rechtschreibnormen zum opfer fällt; irene forbes-mosse hatte demgegenüber offensichtlich keinerlei bedürfnis, sich an der literarischen hochsprache ihrer zeit zu orientieren. Noch in ihren späten erzählungen bildet sie ihre koboldesken satzgirlanden, wie ihr der schnabel gewachsen ist.

Der geringe respekt, den die autorin grammatischen, stilistischen, gelegentlich auch orthographischen regeln zollt, ist bei ihr zweifellos nicht mangelnde bildung. Offenbar hatte sie ein tiefes gespür dafür, wie durch die zunehmende regulierung und kategorisierung in allen lebensbereichen leben falsch und zerstört wird. Eine ihrer protagonistinnen erinnert sich an eine zeit, "als die Kirchen noch unbekümmert draufloswuchsen und jedes Jahrhundert etwas von seiner Eigenart dazugab, wie Schichten die allgemach ein Gebirge bilden". Solch genuin-ungeregeltes leben stellt irene forbes-mosse überall in ihrem werk dar, in umgangsformen, stillosen zimmereinrichtungen, gartengestaltungen oder häusern, aber auch im gespinst, den schichten seelischer befindlichkeiten und sozialer zusammenhänge, im denken und assoziieren der protagonistinnen und durch die häufigen chronologischen sprünge des erzählflusses.

Kostbar ist ihre poetische reflexion auch deshalb, weil sie nirgendwo versucht, ihre erfahrungen zu vereinheitlichen, sie einem prinzip, einer individuellen (beruflichen, politischen) zielsetzung anzupassen und unterzuordnen.

"Worte sind große Zauberer", sagt irene forbes-mosse. Im tiefsten ist sie immer lyrikerin. Ihre assoziationen sind höchst subjektiv (und manchmal befremdlich): Was hat sie nur damit gemeint? was soll das jetzt? – solche befremdeten fragen können uns hineinlocken in die untergründige poetische, oft geradezu musikalische wahrheit ihres blicks, ihres gespürs. Die unendliche fülle des sogenannten einfachen lebens, die momente und nuancen, assoziationen und zusammenhänge, schattierungen und dissonanzen, die gerüche, farben und klänge, das (gar nicht so einfache) sein von pflanzen, tieren und menschen: all das liegt ihr am herzen – und von den menschen die frauen noch ein bißchen mehr. Oft in einer art innerem monolog einzelner protagonistinnen fließt das leben in den erzählungen weiter – anfang wie ende scheinen meist nur der begrenztheit des buches geschuldet. Innere und äußere zeit, seelisches und soziales leben gehen ineinander über in ihren novellen und erzählungen. Irene forbes mosse läßt ihre kompromißlos subjektiven empfindungen, assoziationen, ihre wörter, bilder, erinnerungen, träume, sehnsüchte, ihre trauer und hoffnungslosigkeit einfach tanzen – ohne bedeutungen, zusammenhänge, schlußfolgerungen festzuschreiben. Sinn liegt allerdings in jedem dieser momente selbst: in seiner evidenz; genau das ist jedoch die situation unseres bewußtseins seit dem ende des 20. jahrhunderts – nach dem endgültigen zusammenbruch aller allgemeingültigen wertsysteme und ideologien.

In der menschenwelt, wie sie ist, überwintert humanität in nischen: das ist wohl so, auch wenn wir's gerne anders hätten. Solche nischen (oder auch schon ihre kristallisationspunkte) wahrzunehmen, sie zu stärken und zu bezeugen, scheint geradezu lebensinhalt der autorin gewesen zu sein: in begegnungen zwischen menschen und zwischen mensch und nichtmensch, im eigenen bewußtsein drin, jenseits von intentionen und handlungen, im umgang mit wörtern (nicht zuletzt dies). – Deutschland hat irene forbes-mosse nach 1931 bis zu ihrem tod 1946 nicht mehr betreten und nur noch ein buch veröffentlicht, 1934.

(Aus dem nachwort)

Bereits bei A+C veröffentlicht wurde EIN KLEINER TOD; weitere arbeiten sind geplant.

 

 
Irene Forbes-Mosse: EIN KLEINER TOD. Prosa, Lyrik, Zeugnisse

 

Abgesehen von einigen gedichtbänden begann Irene Forbes-Mosse (1864-1946) erst nach dem tod ihres mannes (1904) zu schreiben. Ihr werk, novellen, erzählungen und zwei kurze romane, ist mittlerweile vollständig vergessen. Erwähnt wird sie allenfalls als enkelin bettine und achim v. arnims.

Der dichter karl wolfskehl, wie sie nach 1931 im exil, schreibt ihr 1935 über ihre erzählungen:

"(…) entzückt und bewegt mich der märchenhafte Reichtum, der aus so viel sicheren und originellen Einzelzügen, so viel farbigen Tupfen, Bildern und Bilderfolgen zusammenschmilzt, die, zart und stark zugleich, in sich selber bestehen, aus sich selber zu wachsen scheinen. Was Sie alles wissen, sehen und aufspüren! Das ist nicht mehr Beobachtung oder bloßes Wissen um Charaktere, Altersstufen, menschliche Bezüge, Toilettengeheimnisse und Gastronomie (…): es ist bei Ihnen immer, als erfaßten Sie die geheimnisvollen Fäden, das gesamte Astralgewebe, aus dem Situationen und Begebnisse erst ihren Sinn erhalten. Alles Halbtonige, das "Zwischen", der abschattende Hauch, den der Gang der Dinge rückläßt, das Unausweichliche eines Schicksalswegs und das süße Mitfühlen des Lieblich-Unzulänglichen alles Erdendaseins: das sind die Elemente, aus denen Ihre Figuren gehoben und gestaltet sind, daraus sie wachsen und welken. Dabei als Gefühlsstand eine warme, mitzitternde Klarheit, sie verbirgt sich und andern nicht die kleinste Falte, verbietet sich kein Lächeln und keine Ironie –– wer kann heut noch so wundervoll boshaft sein, so fein und selbstgewiß doch auch des andern, des Angeschauten Teil und Recht mit freundlichem Achselzucken wahrend, die armen, tölpischen Kinder, genannt Erwachsene, also auf ihr Getue und Getapse hin ansehen und rubrizieren! Eigentlich gilt Ihr stärkstes, Ihr ganz mitzitterndes Schauen und Erkennen ja doch jener unheimlichen, aus Frohlocken und Trübsinn gewobenen, noch halb jenseitigen Zwischenwelt kurz vor Tage."

Diese erste wiederveröffentlichung enthält die aufzeichnungen "Der kleine Tod", ausgewählte gedichte sowie ein biografisches nachwort mit briefauszügen und anderen zeugnissen von zeitgenossen. Weitere werke irene forbes-mosses werden bei A+C folgen.

 

 
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