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Heinrich Hauser: WETTER IM OSTEN

Die preußische provinz ostpreußen war von 1871 bis 1945 der östlichste landesteil deutschlands. Hier herrschten adelige gutsbesitzer, die große ländereien besaßen, getreide und kartoffeln anbauten und oft auch pferdezucht betrieben.
Nach dem ersten weltkrieg beschlossen die siegermächte im versailler friedensvertrag von 1918, große teile westpreußens, danzig, die ostpreußische stadt soldau und das memelgebiet vom deutschen reich abzutrennen und dem polnischen staat zu übertragen. Ostpreußen wurde durch den polnischen korridor, einen 30 bis 90 kilometer breiten landstreifen, der polen den zugang zur ostsee ermöglichte, vom deutschen reich getrennt und somit eine exklave.
Ostpreußen geriet durch den korridor in eine wirtschaftliche isolation, die sich in der weltagrarkrise 1928 zu einer notlage entwickelte.
Hitlers besuch in ostpreußen (1932) war ein triumph; von weiten kreisen der bevölkerung wurde er als retter verstanden. Innerhalb der kriegtreiberischen und rassistischen NS-ideologie vom volk ohne raum (hans grimm) kam ostpreußen ein wesentlicher stellenwert zu.
Im und nach dem zweiten weltkrieg wurden millionen deutsche aus ostpreußen vertrieben. Vorbehaltlich einer endgültigen friedensregelung wurde die region geteilt, bekam neue grenzen, neue bewohner und neue städtenamen. Der nördliche teil wurde sowjetisch (region kaliningrad oblast), der südliche polnisch (region ermland-masuren). Beide regionen entwickelten sich in den folgenden jahrzehnten sehr unterschiedlich.
In der BRD wurde ostpreußen jahrzehntelang zum nostalgischen symbol für menschen, die von dort vertrieben worden waren, sowie zum ideologem für reaktionäre vertriebenenverbände.
1990 erfolgte die endgültige friedensregelung im zwei-plus-vier-vertrag. Dieser legte dann die oder-neiße-linie als ultimative grenze zwischen deutschland und polen fest.

Heutzutage ist ostpreußen ein historischer begriff, der in der medialen öffentlichkeit keine streitgespräche oder emotionalen aufwallungen mehr stimulieren kann. Die regionen wurden zum ziel von urlaubsreisen, auch zu meist behutsamer anknüpfung an individuelle familiengeschichte(n). Wer sich fragt, wie war es denn damals wirklich, findet (auf deutsch) wenig mehr als nostalgisch geprägte erinnerungsliteratur. Heinrich hausers hier erstmalig wiederveröffentlichte reportage von 1932 geht weit darüber hinaus. Dabei verringert auch seine NS-apologetische tendenz kaum den informationsgehalt.

Die vorliegende reportage ist – trotz der offen ausgesprochenen nationalistischen und NS orientierten haltung – weitgehend an paragmatischen sachfragen orientiert, wie auch andere arbeiten des autors. Hauser will verstehen, wie der soziale alltag funktioniert, das miteinander von mensch & natur & technik: arbeitsabläufe, handwerkszeug, geräte, vieh, dessen nahrung und milchertrag, Kleidung, Hausbau, Finanzen, wetter und unzählige weitere bestandteile des einfachen lebens. Das alles bildet in hausers buch nicht nur ein folkloristisches gewürz, sondern ist die essenz seines interesses, seiner zustimmung oder seiner kritik.
Dabei versucht er meines erachtens relativ vorurteilsfrei, sich in ostpreußen zu informieren über politische umstände, kräfte, intentionen. Seine einigermaßen idealistisch-naive affinität zu NS-ideologischen axiomen ist unverkennbar; vor allem ein "Bevölkerungsdruck" im deutschen reich sowie eine notwendigkeit, das deutsche reich durch einen "Menschenwall" im osten vor "den Russen" zu schützen, sind ideologische axiome, in denen er sich wiederfindet. Das diskreditiert die redlichkeit seiner reportage nicht mehr als jedes andere soziale, gesellschaftliche, politische axiom, wie sie jeder von uns, auch jeder reporter, in sich hat.

Ein schwerpunkt des buches liegt in hausers überlegungen zur ostpreußischen siedlungspolitik. Die praxis der siedlungsgesellschaften kritisiert er ebenso wie die bürokratische konkurrenz zwischen reichs- und preußischer verwaltung zu lasten der ostpreußenhilfe. Ein weiteres problem sieht er im fehlen von genossenschaftlicher zusammenarbeit, dem gemeinsamem nutzen von landwirtschaftlichen maschinen. Die schuld daran sieht hauser vor allem in ressentiments einer "engstirnigen Politik" mit "romantisch-reaktionären Vorstellungen vom Wesen eines Bauern", die jede gemeinschaftliche nutzung von arbeitsgeräten als "kommunistische Ideen" diskriminierte. Viele Neusiedler waren – so hauser – als ehemalige industriearbeiter längst gewohnt, maschinen kollektiv zu nutzen. Der autor plädiert unmißverständlich für landwirtschaftliche produktionsgenossenschaften (wie es später in der DDR hieß: LPG), die zudem die erfahrung des kollektiven arbeitens aus dem damaligen Freiwilligen Arbeitsdienst (FAD, - seit 1931) nutzen könnten.
Gegenüber der einseitigen verherrlichung des bauernstands bei den nazis findet sich hier (und in anderen werken hausers) eine umfassende wertschätzung aller handwerklichen tätigkeiten /produkte /werkzeuge einschließlich der industriearbeitern gegenüber handel und kapitalismus. Zugleich zeigt sich hier wie in anderen arbeiten des autors seine grundlegende sensibilität und achtung der natur gegenüber.

Hausers reportage vermittelt – anhand der modellhaften situation ostpreußen – das gesellschaftliche klima, in dem die massenhafte zustimmung zu den nazis in gesamtdeutschland zum naheliegenden nächsten schritt wurde. Dieses klima setzt sich zusammen aus unzähligen färbungen des alltagsbewußtseins, die als einzelne relativ belanglos sind. Auf diese weise funktionieren ideologische prozesse in jeder gesellschaft, dieses subtile einfärben von aussagen gehört zum handwerkszeug der allermeisten politiker und bestimmter massenmedien. Am anfang steht jedoch immer ein genuiner prozeß der affektiven besetzung individueller meinungen.
Soll die wiederveröffentlichung dieses buches also verständnis heischen für damalige NS anhänger? In einer weise durchaus. Aus zeitzeugenberichten wie der hier vorliegenden könnten wir lernen, welche folgen es haben kann, wenn eine mehrheit der bevölkerung sozialem abbau, diskriminierung durch die eigene bürokratie und struktureller hoffnungslosigkeit unterworfen ist – und dann eine rattenfängerpartei zur agitation bereitsteht. Das gilt damals wie heute, hier wie dort.

(Aus dem nachwort)

Wiederveröffentlicht wurde von heinrich hauser bei A+C bereits das autobiografisch orientierte buch  KAMPF. Geschichte einer Jugend (1934). - Wichtige neuveröffentlichungen besorgte der WEIDLE VERLAG Bonn.

 

 
Ernst Glaeser: DER LETZTE ZIVILIST

Ernst glaesers 1928 erschienener erster roman JAHRGANG 1902 war ein internationaler erfolg, an den das zweite, FRIEDEN 1919 (1930) anknüpfen konnte. 1933 wurden auch diese bücher von den nazis verbrannt.
Glaeser siedelte im dezember 1933 mit seiner frau und seinem 4-jährigen sohn in die tschechoslowakei über, von dort ging er 1934 nach locarno und im oktober 1935 nach zürich. Der dort entstandene und hier wiederveröffentlichte dritte roman DER LETZTE ZIVILIST zeigt nuanciert die schrittweise machtergreifung der NS-ideologie in einer süddeutschen kleinstadt. Es wurde im laufe der folgenden jahre (angeblich) in 14 sprachen übersetzt.
In den folgenden jahren distanzierte sich glaeser zunehmend von den antifaschistischen deutschen emigranten. Am 1. april 1939 kehrte er nach deutschland zurück.
Im NS-deutschland durfte glaeser eingeschränkt publizieren. Nach 1945 wurden weiterhin werke von glaeser veröffentlicht, der autor konnte jedoch nicht mehr an seine erfolge der 1930er jahre anknüpfen. Ernst glaeser, geboren 1902, starb 1963 in mainz.

Zweifellos wollte der autor mit dem exilroman DER LETZTE ZIVILIST (1936) der öffentlichkeit die augen öffnen über die kollektive psychodynamik der bevölkerung in deutschland. Er wollte nachvollziehbar machen, wieso eine mehrheit von deutschen zu parteigängern der nazis wurden und es geblieben sind. Ihm ging es kaum um den konkreten antifaschistischen widerstand (der in kommunistisch orientierter exilliteratur im vordergrund stand), eher um die überwindung derartiger deformationen des menschlichen, – um "Erziehung nach Auschwitz" (adorno), allerdings bereits vor auschwitz.
Der übergang "ganz normaler" bürger zu nazis konnte in den 30er jahren beobachtet, aber noch nicht verstanden werden. Bekanntlich streiten sich die fachwissenschaften bis heute um diese frage. Der roman bietet erfahrungsmaterial zu dieser frage und lebt aus der sensiblen beobachtung sozialer und ideologischer zusammenhänge. Er ist organisiert wie das szenario eines films. Krasse schnitte richten die aufmerksamkeit unmittelbar auf das bild der szene, klischeehafte momente malen soziale situationen aus. Die personen wirken gleegentlich wie rollen im kabuki-theater.
Kein zufall, daß manche passagen sich lesen, als habe ein NS-protagonist sie geschrieben. Eine von allen unerwünschten affekten gereinigte "wissenschaftliche" darstellung der NS-deutschen realität ist jedoch noch keine bewältigung, eher eine entwirklichung. Um tiefgründiger nachzuvollziehen, wie es damals (vermutlich) war, ist es nötig, sich gelegentlich in den dreck, in das ekelhafte hineinzufühlen, das zur nazifizierung der deutschen bevölkerung gehört. Durch glaesers nuancierte darstellung wird auch die rhetorisch-manipulatorische machtergreifung der NS nachvollziehbar. Nur in wenigen zeitzeugenberichten wird die emotionale wirkung von hitlerreden in der damaligen zeit nachvollziehbar, ja vielleicht sogar nachfühlbar wie hier.

Die handlung dieses romans ist durchgängig modellhaft zu verstehen, es geht nicht um individuelle schicksale. Ähnlich sozialwissenschaftlichen und psychohistorischen darstellungen sollen glaesers vignetten typische soziale konstellationen verdeutlichen. Hinter diesen mustern liegt dennoch viel einfühlungsvermögen in das gewordensein der figuren. Einzelne situationen lassen sich als parabeln verstehen, manches ist symbolisch aufgeladen. Manche slapstickhaft überzogene szenen sind eher komödiantisch gemeint.
Es ist ein böses – und ein trauerndes buch. Von ekel geschüttelt gegenüber den deutschen, die mit vielfältigen varianten von gift und galle, von lüge und betrug und menschenverachtung deutschland zu zerstören beginnen, – und trauernd um dieses deutschland, das für glaeser (wie sich zeigen sollte) als heimat unersetzbar blieb wie seinen hauptfiguren bäuerle und hans diefenbach.

Bekanntlich ist ernst glaeser 1939 zurückgegangen nach deutschland. Er habe seinen frieden gefunden mit den nazis, heißt es manchmal. Bereits durch den vorliegenden roman läßt sich ahnen, daß das doch etwas komplizierter war. Einige erzählungen zeigen deutlich glasers unauflösbare seelische gebundenheit an die heimat in (süd)deutschland, jenseits aller politischen umstände. In einer der erzählungen (ANDANTE 1939) geht es um seine rückkehr nach deutschland nach fünf jahren exil. "Nein, ich gehöre nicht zu dieser Musik. Mögen auch die Marktplätze überquellen von ihren Fanfaren und die Hybris des Muskels sich auf den Podien spreizen, unvergänglich bleibt, vor dem Geschmetter, dem Aberwitz des Aufstands, der kleine Spalt auf Deutschland, die Heimat, das erste Land." Heimatsuche wird in glaesers büchern direkt oder indirekt immer wieder thematisiert. Affirmative und kolportageelemente wie politische anpassung (im NS wie in der adenauer-BRD) liegen meiner meinung nach seinem schmerzhaften bedürfnis nach geborgenheit in vertrauter umgebung (sei es der menschen, sei es der natur) zugrunde. – Deutschland als liebesobjekt: nationalismus kann auch symptom sein für bindungssehnsucht, bindungsgestörtheit, die auf diese weise kompensiert wird. Dies dürfte für nicht wenige menschen gegolten haben und gelten, auch anderswo, auch heutzutage.
Diese neuausgabe bei A+C orientiert sich an der erstausgabe (1936).

(Aus dem nachwort)

 

 
Emilia Mai: BERICHT

Emilia Mai ist jetzt Anfang 20. Seit frühester Kindheit war sie sexueller Gewalt und anderer Folter unterworfen – zunächst durch den Vater, später durch eine Vielzahl fremder Männer, denen sie vom Vater (zweifellos für Geld) weitergegeben wurde. Menschenhandel, Zwangsprostitution, Folter, Sadismus, kollektive Vergewaltigungen, Produktion von Kinderpornografie: Dieser bei A+C veröffentlichte Bericht ist repräsentativ für den Leidensweg vieler Kinder und Jugendlicher, auch bei uns in Deutschland.

Emilia Mais Bericht zeigt repräsentative Nuancen, die woanders nicht so deutlich werden – und kann dadurch HelferInnen oder andere Außenstehende dabei unterstützen, sich vorzustellen, wie es Überlebenden geht, und auch: aufmerksam zu werden im Alltag, im Berufsleben (als KindergärtnerIn oder LehrerIn, als Kinderarzt, Hausarzt oder NotfallmedizinerIn).
Da sind Eltern, die als Pädagoge und Psychotherapeutin möglicherweise zu Recht anerkannt werden, die vielleicht tatsächlich Einfühlungsvermögen zeigen im Berufsleben. Daß sie andererseits eigene Kinder mißachten, vernachlässigen und im Stich lassen (wie die Mutter) bzw. foltern, vergewaltigen und "verkaufen", läßt sich zumindest hypothetisch erklären durch unterschiedliche Ichanteile (Ego States), die wiederum mit der kindlichen Sozialisation dieser Eltern zu tun haben.
Bei Emilias Eltern werden grundlegende Elemente dysfunktionaler Familien überdeutlich. Der gnadenlose Sadismus des Vaters (Täters) kann durch nichts relativiert werden. Aus prophylaktischem, epidemiologischem Blickwinkel ist es jedoch wichtig, psychische Umstände zu benennen und zu erforschen, die Grundlagen derartiger Gewaltätigkeiten sein können.

Derartige sadistische, krankhaft narzißtische oder anderweitig schwerstgestörte Väter (und andere primäre Bezugspersonen) stehen wohl oft am Anfang einer entsprechenden Leidensgeschichte. Im nächsten Schritt wird das Kind an andere Täter "verliehen" – und gelegentlich findet sich als "Abnehmerin" auch eine Kultgruppe der Rituellen Gewalt. Selbst wenn jetzt der ursprüngliche Täter (Vater/Eltern) altersmäßig ausscheidet, ist das Opfer weiterhin gefangen. Sofern sich eine multiple Persönlichkeit (DIS) entwickelt hat, passen sich die verschiedenen Teilpersönlichkeiten (Anteile) an das umfassendere Spektrum zwischen Gewalttaten und alltäglichem Leben an – als einzige Möglichkeit, unter diesen Bedingungen zu überleben. Eine derartige Konstellation dürfte das Verbindungsglied sein zwischen der zweifellos häufiger vorkommenden sexuellen Gewalt ausschließlich innerhalb der Familie (Inzest) und Gruppen der organisierten/rituellen Gewalt.

Emilia Mai bezeugt in ihrem Bericht auch eine in der medialen Öffentlichkeit noch immer gerne bezweifelte Tatsache, nämlich die Existenz von nichtregistrierten Säuglingen und Kindern. Viele von ihnen werden vornehmlich aus Osteuropa eingeschleust und hier den teuflischen Bedürfnissen entsprechender Täter geopfert.

Deutlich wird beim Vater, aber auch bei anderen Tätern, die schrittweise Steigerung der Perversion, – das Ausprobieren, das Lernen der Täter durch die eigenen Empfindungen beim Ausleben von sadistischer Gewalt, der Genuss der Macht.

Spontan möchte ich jeden Mitmenschen davor bewahren, diese Veröffentlichung zu lesen, – aber es muß auch solche Zeugnisse geben. Wie sollten Außenstehende sonst auch nur ahnen können, wie es den Opfern der organisierten, rituellen Gewalt ergeht – nicht einem, nicht hundert, nein, vielleicht tausenden allein in Deutschland. Wie sollten wir ganz normale Bürger sonst auch nur ahnen, was für ein Doppelleben manche von uns führen.

(Aus dem Nachwort)

ACHTUNG – TRIGGERWARNUNG!
Dieser Bericht enthält konkrete Darstellungen schwerster sexualisierter Gewalt!

 

 
Jeannette Lander: EIN SOMMER IN DER WOCHE DER ITKE K.

Georgia, USA, 1944/45. – Jeannette Landers erster Roman bewahrt Momente einer Lebenswelt, die bald darauf verlorenging im zunehmend aggressiven Kampf der farbigen Amerikaner um ihre Bürgerrechte und gegen die traditionelle, strukturelle Gewalt der Weißen. Das Buch handelt von einer wohl seltenen lokalen Konstellation in den Südstaaten der USA, in der Fremdenfeindlichkeit, Rassismus sich aufzulösen schien, in der eine Heilung der babylonische Sprachzersplitterung vorstellbar schien. Aber es war nur eine dünne, wenig tragfähige Schicht Humanität über der Gewalt, dem Rassenhaß, der vorteilsbedachten gegenseitigen Ausgrenzung – auf seiten der Weißen wie der Schwarzen.

Erzählt wird durchgängig aus dem kognitiven und affektiven Blickwinkel der vierzehnjährigen Itke. Die drei Lebenskreise ihrer Kindheit, "der jiddischamerikanische, der schwarzafrikanische und der weißprotestantische", nicht zuletzt die Sprachwelten verdichten sich zu vielfältig-schamanischen Bedeutungszusammenhängen, einer Alchimie der Erfahrungen. Zwei Schwerpunkte hat diese Kindheit (im wesentlichen zweifellos diejenige der Autorin): die Sehnsucht all dieser Menschen nach einem einfachen Leben miteinander, nach Frieden und mitmenschlicher Wärme, – und andererseits die Auswirkungen einer Welt der Jim Crow-Gesetze, der Rassentrennung: Mißachtung, Gewalt, Mißtrauen, Demütigung, Resignation, hilfloses situatives Aufbegehren. Daneben die informellen Hierarchien: zwischen helleren und dunkleren Farbigen, besser und schlechter Ausgebildeten; es gibt die Verordnungen einer indolent-menschenverachtenden Bürokratie, dann das lokale Establishment der Weißen, davon abgegrenzt die armen Weißen, und nochmal darunter die Juden (also auch Itkes Elternhaus), mit denen zumindest bestimmte angloamerikanische Weiße sich nicht abgeben mögen. Doch auch zwischen Diaspora-Juden und in Amerika geborenen bestehen hierarchische Abgrenzungen. Dazu kommen Warenbeschränkungen und andere Auswirkungen des Zweiten Weltkriegs. Es gibt rituelle jüdische Vorschriften, die jedoch nur sehr flexibel eingehalten werden. Und das geschäftsbedingte Taktieren beim Vater, dem "karitativen Kaufmann" mit seiner "brüchigen Humanität". Dann das ganz Fremde der Farbigen: die gnadenlose Armseligkeit vieler, die Ekstase ihrer Gottesdienste, ihrer Tänze, Hoodoo Rituale. Hilflose Wut flackert auf zwischen einzelnen Menschen. Ahnungen von politischer, struktureller, traditioneller – ungreifbarer – Ungerechtigkeit und Gewalt. Und Sex – für manche AfroamerikanerInnen einzige Möglichkeit, selbstbestimmte Lebendigkeit zu entfalten; wodurch sie Weiße faszinieren und ihnen gelegentlich zum Vorbild werden. Basso continuo zu alldem ist die archaische, grell-heiße, üppige Natur des Südens.

In der Sprache dieses Romans kobolzt die kindliche Freude, Varianten, Assoziationen, Alliterationen und Neologismen auszuprobieren. Regeln zu Syntax, Zeitenfolge und Zeichensetzung haben nur periphere Bedeutung. Darin liegt die für Itke (das Kind) zweifellos vor allem kreative sprachliche Vielstimmigkeit, das teils regelhafte, teils spontan-zufällige soziale Durcheinander ihrer heimatlichen Szenerie: es sind Sprachbilder, nicht zuletzt Sprachwelten. Manche Szenen erinnern (mich) an James Joyce, an surrealistische oder dadaistische Kurzfilme, in anderen zerreißt jedes soziale Miteinander, brutal zeigt sich die Realität menschlicher Entfremdung und läßt uns hilflos am Rand des Textes zurück. Itkes polnisch-jiddische Eltern läßt die Autorin jiddisch reden – auch mit den afroamerikanischen KundInnen, deren Slang verblüffend authentisch ins Deutsche übertragen wurde.

Ein Sommer in der Woche der Itke K. erschien 1971 bzw. 1974. Diese erste Neuausgabe entstand in Kooperation mit der Autorin. Bestandteil der Wiederveröffentlichung ist die Audio-Datei ihrer Lesung aus dem Buch (siehe hier unterhalb).

Jeannette Lander starb am 20. Juni 2017.

 



Jeannette Lander • Lesung aus EIN SOMMER IN DER WOCHE DER ITKE K.



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Mathias Benedict Graf v. Lüttichau. Lucin 1881 – Zingst (Darß) 1947

Unter "Familiengeschichte" verstehe ich das reale Geflecht miteinander verwandter Menschen – jenseits irgendwelcher traditioneller, geschlechtlicher, elitärer, finanzieller oder rassistischer Kategorisierungen: angeheiratet oder Namensträger von Geburt, weiblich oder männlich, ehelich oder außerehelich, Kolonialwarenhändler oder Bankdirektor, adelig oder bürgerlich, weiß oder farbig. Familiengeschichte kann auf diese Weise zum Impuls werden, Brücken zu schlagen zwischen Menschen, Neues zu verstehen aus ganz anderen mitmenschlichen Welten!

Als ich jetzt zu meiner großen Überraschung erfuhr, daß mein Großvater Mathias Benedict Graf v. Lüttichau (Thies) einen vorehelichen Sohn hatte, mit dem er in seinen letzten Lebensjahren in väterlich-zugewandtem Briefwechsel stand, wurde genau dies zum Anlaß für die hier vorliegende Veröffentlichung innerhalb der "Beiträge zur Familiengeschichte". Sie enthält von Mathias neben den Briefen an seinen ersten Sohn Karl Heinz Platzdasch frühe Gedichte sowie Tagebuchaufzeichnungen aus dem damaligen Deutsch-Südwestafrika (Namibia) von 1910. Dazu kommen Zeugnisse der Familie Platzdasch-Dargatz sowie Erinnerungen seines zweiten Sohnes Harald, eines Freundes von Thies sowie eine kleine Ahnentafel.

Bei der Lektüre der Briefe an Karl Heinz Platzdasch sowie der hier ebenfalls dokumentierten Tagebuchaufzeichnungen aus Namibia stellt sich die Frage: War Thies ein Rassist, ein Nazi? Oder wurde er einer? Oder war er ein taktischer Mitläufer, bedacht auf seine eigenen Vorteile? Wo war seine in den Briefen an seinen ersten Sohn und anderswo bezeugte mitmenschliche Aufmerksamkeit beim Hören von Hitler- und Goebbelsreden, bei all dem, was ja wohl auch er, in der Sand-und-Wasser-Einöde am äußersten Rand Deutschlands (oder spätestens bei seinem Einsatz im Stalag IIc Greifswald) mitbekommen haben mußte? – Was ist das überhaupt, ein Nazi zu sein? Solche Irritationen lassen sich kaum verdrängen.

Mittlerweile werden auch in der Öffentlichkeit Zeugnisse beachtet, die Aufschluß geben über die Gemengelage von Ideologemen und Traditionen, persönlichen Umständen und Interessen, die zusammengenommen den massenhaften Rückhalt des NS-Regimes in Deutschland bewirkt haben dürften.
Eine Grundlage dieser Gemengelage ist zweifellos das ideologische Sammelsurium, das seit dem Ende des Kaiserreichs durch Deutschland schwappte. Unterscheidliche Ideologeme waren Bestandteil des Welt- und Menschenbildes einzelner Bürger, andere wurden individuell abgelehnt. Und da das ideologische Syndrom des NS selbst ein Sammelsurium von (teilweise inkompatiblen) Elementen war, ergab sich in der deutschen Gesellschaft eine Fülle von individuellen politisch-gesellschaftlichen Standpunkten und Konsequenzen, sehr flexibles Rohmaterial für die nazistische Umerziehung der Bevölkerung.

Wollen wir es eigentlich noch so genau wissen? Zweckmäßig ist in jedemfall, über das Phänomen solcher komplexen, heterogenen Bewußtseinsinhalte nachzudenken, denn in unserer Zeit der von jedermann rezipierten (konsumierten) weltweiten Medien (als primäres Sozialisationsinstrument schon der Kinder) ist das nicht anders, nur noch komplexer, irisierender, unvorhersehbarer als damals. Nur sehr eingeschränkt und sporadisch wird derlei im Alltag reflektiert, vielmehr geht es vorrangig um affektive Besetzung von Ideologemen und Haltungen, um Meinungen, das heißt, solche aus der Gesellschaft kommenden Momente werden inkorporiert ins individuelle Selbst- und Weltgefühl.

Zum anderen aber sind wir es den Opfern der Nazis weiterhin schuldig, uns um Verständnis für diese Zusammenhänge zu bemühen – auch, weil es weiterhin Millionen Opfer von Rassismus, Völkermord, ideologisch begründeten Diktaturen und deren fanatisierten Anhängern gibt.

(Aus dem Nachwort)

 

 
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