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Gerlinde Elke Occhidivento / Mondrian v. Lüttichau: DAS BUCH TANI MARA

Neu im Mai 2018

1970 war ich, mondrian – damals noch wolfgang (oder wolfi) -, achtzehn jahre alt. Ein außenseiter aus gründen, die ich erst viel später verstehen gelernt habe. Seit anfang 1969 hatte ich in zunehmendem maße kontakt gefunden zu gassenkindern in der kleinen württembergischen stadt, in der ich (im elternhaus) lebte. Von ihnen habe ich mich angenommen gefühlt – ganz einfach da sein dürfen, in der gegenwart, - stunden zusammen verbringen in selbstverständlichkeit, bißchen reden, bißchen freude, "gummihupfen" (wobei ich nur im gummi stand und manchmal schiedsrichter spielte), - stille, aber auch momente von solidarität, trost und trauer miteinander teilen.. dies meist wegen der eltern, der erwachsenen. Augenblicke von nähe, von zärtlichkeit, einander geborgenheit geben für momente.
Zu sexuellen grenzüberschreitungen meinerseits kam es nicht – ich habe entsprechende gefühle dafür kaum gehabt, war in meinen empfindungen eher selbst wie zehn oder zwölf. Wo darüber hinausgehende empfindungen und phantasien auftauchten, hab ich auf das, was der authentischen lebendigkeit der kinder angemessen war, vermutlich mehr geachtet als auf alles andere. Seelische grenzüberschreitungen durch ältere (durch eltern) kannte ich selbst zu gut. (Siehe hierzu bei A+C meine tage-bücher "Außenseiter-Allüren!"  und "Schweinisch wird kritisch und physisch" sowie die anmerkungen zum thema pädosexualität hier auf der titelseite.)
Aber natürlich argwöhnten manche erwachsene schlimmes. Immer wieder wurde einzelnen kindern der umgang mit mir verboten; einige hielten sich dran, die meisten nicht.

Elke (oder gerlinde) war eines dieser gassenkinder. Zwischen uns war es mehr, von anfang an. Und doch wußten wir beide, wo die grenze unserer beziehung war, in jener zeit. 1971-73 war ich im internat in heidelberg; jetzt gingen briefe zwischen uns hin und her. Gesehen haben wir dann nur noch selten. Sie hatte einen "richtigen" freund, ich eine "richtige" freundin. Dann wurde gerlinde heroinabhängig. In unseren briefen der folgenden jahre stand dieses thema im mittelpunkt. 1980 ging elke in eine stationäre drogentherapie. - -

Tagebücher geschrieben habe ich seit dem vierzehnten lebensjahr. Aus ihnen habe ich im jahr 1980/81 die geschichte der begegnung und beziehung mit gerlinde herausgeschrieben und, in verbindung mit unserem damaligen briefwechsel, DAS BUCH TANI MARA zusammengestellt. Es erschien 1982 als buchhandelsausgabe (und begründete meinen damaligen selbstverlag AUTONOMIE UND CHAOS HEIDELBERG). Tagebücher und briefe wurden im wesentlichen unverändert wiedergegeben, nur einzelne (meist unklare) stellen wurden minimal korrigiert. – Jetzt, 36 jahre später, kann es, in absprache mit gerlinde, eine neue ausgabe geben.

Weltweit bekanntgeworden ist christiane felscherinows bericht über die "Kinder vom Bahnhof Zoo". In dieser noch immer durch nichts zu ersetzenden dokumentation kommen tiefenschichten der seelischen befindlichkeit dieser jungen menschen zu kurz. In lindes briefen aus ihrer drogenzeit steht genau dies im mittelpunkt. Nicht zuletzt deshalb bin ich froh, daß Das Buch Tani Mara jetzt noch einmal veröffentlicht werden kann.

 

 
Lillian Smith: Fremde Frucht

Neu im Mai 2018

Lillian Eugenia Smith (1897–1966) wurde bekannt vor allem durch ihr lebenslanges Engagement gegen die Rassentrennung in den Südstaaten der USA. Ihr beim Erscheinen kontrovers diskutierter Roman ''Strange Fruit'' (1966) machte sie weltberühmt.

Lillian studierte als junge Erwachsene Musik, arbeitete pädagogisch und hielt sich für mehrere Jahre in China auf, wo sie Direktorin einer Mädchenschule war. Während dieser Zeit wurden ihr Ähnlichkeiten zwischen der Unterdrückung der chinesischen Kultur zugunsten der abendländischen, christlichen einerseits und derjenigen der afroamerikanischen Bevölkerung in den amerikanischen Südstaaten bewußt.

Sie nahm sie eine lebenslange Partnerschaft mit Paula Snelling auf. Die beiden Frauen gründeten 1936 eine kleine Literaturzeitschrift, die schwarze und weiße SchriftstellerInnen zu kritischen Stellugnnahmen ermutigte. Im Mittelpunkt standen dabei soziale Ungleichheit, Frauenfeindlichkeit, Rassismus, die Notwendigkeit von sozialen und wirtschaftlichen Reformen.
1944 erschien ihr Roman ''Strange Fruit'', in dem es um eine Liebesbeziehung zwischen einer Farbigen und einem Weißen ging. Der Titel wurde vom Verleger gewählt, nach einem gleichnamigen Lied in der Interpretation von Billie Holiday. Die Autorin betonte jedoch, daß ihr Anliegen nicht, wie in dem Lied, allein der Rassismus gegen Afromamerikaner sei, sondern vielmer die seelische Beschädigung von Farbigen wie Weißen in der "rassisistischen Kultur" der Südstaaten. Nach dem Erscheinen wurde der Roman in mehreren Regionen der Vereinigten Staaten verboten. Dieses Verbot wurde von Präsident Franklin D. Roosevelt aufgehoben. Der Roman wurde zum Bestseller und in 15 Sprachen übersetzt.

Lillian Smith tauschte sich häufig aus mit Eleanor Roosevelt, sie war befreundet mit Martin Luther King und anderen farbigen wie weißen ProtagonistInnen der Bürgerrechtsbewegung, in der sie sich selbst kontinulierlich bis zum Ende ihres Lebens engagierte. Ihr persönlicher Schwerpunkt dabei war die Situation von Frauen und Kindern. – Daneben schrieb sie Bücher (Sachbücher, Dokumentationen, einen weiteren Roman) und arbeitete journalistisch.
In den Vereinigten Staaten wurde Lillian Smith in den letzten Jahrzehnten neu entdeckt als Kämpferin für soziale Ungerechtigkeit, aber auch im Zusammenhang mit der Emanzipation lesbischer Lebenshaltung. Theaterstücke, Lesungen und Buchveröffentlichungen zeugen davon.

"Strange Fruit" (Fremde Frucht) erschien auf deutsch 1947 (in der Schweiz). Für seine Themen – Rassismus, die Situation schwarzer Amerikaner, lesbische Liebe – interessierte sich zu dieser Zeit kaum jemand in Deutschland. Für diese erste deutsche Neuveröffentlichung wurde die Übersetzung gründlich durchgesehen. Ein umfangreiches biobibliographisches Nachwort des Herausgebers kam dazu. Auch einige Fotos der Autorin.

 

 
Petra Bern: ESCAPICTORA

86 Fotografien von Petra Bern.

"Zäune, Zäune, Gitter, Tore, Türen, Mauern, Wände, überall stehen wir davor. Und was dahinter ist? Ein Kätzchen mal ganz am Rand, eine blühende Forsythie ganz am Rand, eine andere Katze im Schatten (obwohl 1 mm Kamerabewegung sie ins Licht hätte fassen lassen), eine Frau, die durch die Scheibe (Spiegel?) sich selbst darstellte und noch mal an einem Auto, die einzigen "Lebewesen" – doch wer fotografiert?: ein Lebewesen. Eine Frau. Hinten stellt sie sich dar. Lisa?

Der Geist stirbt nie, die Augen, die dies alles gesehen und weidergegeben haben, auch nicht. Lisa hat nun viele, viele, fast zuviele Zäune,  Zäune, Gitter, Mauern, Türe, Wände gesehen, Kondor, Kondor, die übergroße Trauer der beiden und zum Schluß zieht die schöne, überschöne Frau in Paris die Vorhänge im Zimmer dicht zu und weint die ganze Nacht. Dies Gemälde von Stifter kann ich fast auswendig, und wie der Künstler dort wird auch Lisa die Vorhänge eines Tags aufziehen und ernst-fröhlich mit weit ausgestreckten Armen hinter die Zäune, Zäune, Gitter und Mauern stürzen. Schau!: auf Seite 31 endlich ein Mensch! Schau ihn kniend an!"

Aus einem Brief von Christa Stiehm

Siehe auch von Petra Bern: Lisa und Ludwig (1992)

 

 
Jim Morrison: THE LORDS - DIE HERRENGÖTTER

Neu im Januar 2018

Bereits im juni 1968 wollte jim morrison (1943 - 1971), der berühmte sänger der DOORS, sich von seiner band trennen; er ließ sich zur weiterarbeit überreden. 1970 gelang ihm der absprung; mit seiner lebensgefährtin pamela courson ging er nach europa.

Im mittelpunkt seiner kreativität stand seit jeher eine poetisch aufgeladene sprache. Die suche nach filmischen gestaltungsmöglichkeiten kam bald dazu. Einige zeitzeugnisse belegen, wie er sich bereits während seines studiums der film- und theaterwissenschaften (1964 - 65) atemlos & gierig bildung und erkenntnisse an land gezogen hat. THE LORDS (zuerst veröffentlicht 1969 als privatdruck) ist zweifellos ein von jim bewahrter rest dieser notate. Dort hat er gesellschaftliche zusammenhänge betroffen für sich selbst entdeckt und versucht, das mosaik seines theoretischen (auch kritischen) nachdenkens über soziale realität und künstlerische möglichkeiten darzustellen. Heute können wir die arbeit als brückenglied und schlüsseltext lesen, denn sie vermittelt seinen endgültigen schritt ins eigene, den übergang vom suchen zum finden, vom sammeln zum gestalten.

Eine konsistente ausführung seiner grundlegenden theoretischen und konzeptionellen gedanken und asssoziationen war dem autor zu diesem zeitpunkt noch nicht möglich. So ist THE LORDS - von der äußeren form her - kaum mehr als ein grobes gerüst aus beobachtungen & anmerkungen, ein exposé, aus dem ein buch hätte werden können - aber auch ein film. Hilflosigkeit beim leser, mehr noch beim übersetzer, ist aus dieser unzulänglichkeit heraus unvermeidbar. Widersprüche, nicht durchgehaltene darstellungsebenen oder gedankensplitter übersetzen zu wollen, wird entweder auf kosten der verständlichkeit oder der übersetzungstreue gehen. Für jede einzelne wendung ist aus neue abzuwägen zwischen diesen kriterien.

THE LORDS lag bisher zweimal auf deutsch vor. Beide übertragungen werden dem text kaum gerecht. In mehreren anläufen entstand seit 1975 meine eigene übertragung. Sie erschien zunächst 1984 in berlin, als privatausgabe im damaligen selbstverlag Autonomie & Chaos. Für die vorliegende neuausgabe 2018 wurde die übersetzung durchgesehen; einige abbildungen kamen dazu.

Jim war fasziniert von der macht, die jedem auf der bühne, auf der leinwand zugebilligt wird von den zuschauern, - und zugleich hat er erschrocken und betroffen die auswirkungen einer solche arbeitsteiligen lebendigkeit beobachtet. Die inhaltliche prägnanz und spannung, mit der er dieses problem in seiner ganzen ambivalenz zusammenbaut, gleicht die schriftstellerischen mängel bei weitem aus für jeden, der sich ernsthaft damit auseinandersetzt.
Jim morrisons notizen über uns, die wir vom mad body dancing on hillsides verwandelt worden sind in a pair of eyes staring in the dark, kamen 1971 zu mir, und sie werden mich wohl zeitlebens begleiten; denn um diese ganz und gar tragische metamorphose von gesellschaft und menschlichkeit geht es mir & uns, - und sie schreitet fort.

Mittlerweile sind mehrere bände mit texten jim morrisons auch auf deutsch erschienen, daneben wichtige interviews mit ihm, sekundärliteratur und dokumentarfilme. Als wir (gise & ich) 1976 sein grab in paris besuchten, war es nur die verschmuddelte rückseite eines anderen grabmals; ein friedhofswärter wies uns den weg. Mittlerweile gibt es dort einen ordentlichen grabstein und eine fülle von besucherInnen sowie mediale aufmerksamkeit an jedem geburtstag und todestag. Vergessen ist jim morrison offenbar nicht … das tröstet und gibt hoffnung, daß von ihm nicht nur die platten der Doors übrigbleiben werden - so atemberaubend und durch nichts zu ersetzen diese musik ist.

THE LORDS. NOTES ON VISION ist ein nachlaß von jim morrison, der von den DOORS weggegangen war, um die nächsten schritte seines eigenen lebens zu finden. Diese textcollage war 1968/69 jim morrisons erster schritt über die zeit des sängers, songschreibers, des musikstars hinaus. Rückblickend läßt sich THE LORDS lesen als kommentar zu den erfahrungen, die jim bis 1969 als sänger der Doors mit der medialen und physischen öffentlichkeit gemacht hatte. Es war der allererste schritt seiner kritischen auseinandersetzung mit der grundlegenden und progressiven entfremdung und verdinglichung, mit der janusköpfigkeit des films (als kunstwerk oder konsummedium) - themen, über die zu jener zeit erst von wenigen kritisch nachgedacht wurde. , Heute, auf dem hintergrund der elektronischen, digitalen, interaktiven medien, ist es geradezu ein modethema.

Aber diese textcollage ist zugleich ein dokument seiner suche nach vitalen verbindungen zwischen texten, musik, kino, bild, inszenierung und sozialem leben - auch darin war jim seiner zeit voraus. Vermutlich hätte er als einer der ersten künstler mit den möglichkeiten der digitalen technik gearbeitet - im bemühen, wahrhaftigkeit, authentiziät, wahrheit anzunähern durch unwahrheit, entfremdung, verdinglichung hindurch.
Nicht zuletzt geht es in THE LORDS um das ewige thema: kunst oder leben? Ist kunst tieferes, autentischeres, dichteres leben - oder ist sie ein gegenpol zum leben, führt sie weg von authentischem leben?

 

 
Heinrich Hauser: WETTER IM OSTEN

Die preußische provinz ostpreußen war von 1871 bis 1945 der östlichste landesteil deutschlands. Hier herrschten adelige gutsbesitzer, die große ländereien besaßen, getreide und kartoffeln anbauten und oft auch pferdezucht betrieben.
Nach dem ersten weltkrieg beschlossen die siegermächte im versailler friedensvertrag von 1918, große teile westpreußens, danzig, die ostpreußische stadt soldau und das memelgebiet vom deutschen reich abzutrennen und dem polnischen staat zu übertragen. Ostpreußen wurde durch den polnischen korridor, einen 30 bis 90 kilometer breiten landstreifen, der polen den zugang zur ostsee ermöglichte, vom deutschen reich getrennt und somit eine exklave.
Ostpreußen geriet durch den korridor in eine wirtschaftliche isolation, die sich in der weltagrarkrise 1928 zu einer notlage entwickelte.
Hitlers besuch in ostpreußen (1932) war ein triumph; von weiten kreisen der bevölkerung wurde er als retter verstanden. Innerhalb der kriegtreiberischen und rassistischen NS-ideologie vom volk ohne raum (hans grimm) kam ostpreußen ein wesentlicher stellenwert zu.
Im und nach dem zweiten weltkrieg wurden millionen deutsche aus ostpreußen vertrieben. Vorbehaltlich einer endgültigen friedensregelung wurde die region geteilt, bekam neue grenzen, neue bewohner und neue städtenamen. Der nördliche teil wurde sowjetisch (region kaliningrad oblast), der südliche polnisch (region ermland-masuren). Beide regionen entwickelten sich in den folgenden jahrzehnten sehr unterschiedlich.
In der BRD wurde ostpreußen jahrzehntelang zum nostalgischen symbol für menschen, die von dort vertrieben worden waren, sowie zum ideologem für reaktionäre vertriebenenverbände.
1990 erfolgte die endgültige friedensregelung im zwei-plus-vier-vertrag. Dieser legte dann die oder-neiße-linie als ultimative grenze zwischen deutschland und polen fest.

Heutzutage ist ostpreußen ein historischer begriff, der in der medialen öffentlichkeit keine streitgespräche oder emotionalen aufwallungen mehr stimulieren kann. Die regionen wurden zum ziel von urlaubsreisen, auch zu meist behutsamer anknüpfung an individuelle familiengeschichte(n). Wer sich fragt, wie war es denn damals wirklich, findet (auf deutsch) wenig mehr als nostalgisch geprägte erinnerungsliteratur. Heinrich hausers hier erstmalig wiederveröffentlichte reportage von 1932 geht weit darüber hinaus. Dabei verringert auch seine NS-apologetische tendenz kaum den informationsgehalt.

Die vorliegende reportage ist – trotz der offen ausgesprochenen nationalistischen und NS orientierten haltung – weitgehend an paragmatischen sachfragen orientiert, wie auch andere arbeiten des autors. Hauser will verstehen, wie der soziale alltag funktioniert, das miteinander von mensch & natur & technik: arbeitsabläufe, handwerkszeug, geräte, vieh, dessen nahrung und milchertrag, Kleidung, Hausbau, Finanzen, wetter und unzählige weitere bestandteile des einfachen lebens. Das alles bildet in hausers buch nicht nur ein folkloristisches gewürz, sondern ist die essenz seines interesses, seiner zustimmung oder seiner kritik.
Dabei versucht er meines erachtens relativ vorurteilsfrei, sich in ostpreußen zu informieren über politische umstände, kräfte, intentionen. Seine einigermaßen idealistisch-naive affinität zu NS-ideologischen axiomen ist unverkennbar; vor allem ein "Bevölkerungsdruck" im deutschen reich sowie eine notwendigkeit, das deutsche reich durch einen "Menschenwall" im osten vor "den Russen" zu schützen, sind ideologische axiome, in denen er sich wiederfindet. Das diskreditiert die redlichkeit seiner reportage nicht mehr als jedes andere soziale, gesellschaftliche, politische axiom, wie sie jeder von uns, auch jeder reporter, in sich hat.

Ein schwerpunkt des buches liegt in hausers überlegungen zur ostpreußischen siedlungspolitik. Die praxis der siedlungsgesellschaften kritisiert er ebenso wie die bürokratische konkurrenz zwischen reichs- und preußischer verwaltung zu lasten der ostpreußenhilfe. Ein weiteres problem sieht er im fehlen von genossenschaftlicher zusammenarbeit, dem gemeinsamem nutzen von landwirtschaftlichen maschinen. Die schuld daran sieht hauser vor allem in ressentiments einer "engstirnigen Politik" mit "romantisch-reaktionären Vorstellungen vom Wesen eines Bauern", die jede gemeinschaftliche nutzung von arbeitsgeräten als "kommunistische Ideen" diskriminierte. Viele Neusiedler waren – so hauser – als ehemalige industriearbeiter längst gewohnt, maschinen kollektiv zu nutzen. Der autor plädiert unmißverständlich für landwirtschaftliche produktionsgenossenschaften (wie es später in der DDR hieß: LPG), die zudem die erfahrung des kollektiven arbeitens aus dem damaligen Freiwilligen Arbeitsdienst (FAD, - seit 1931) nutzen könnten.
Gegenüber der einseitigen verherrlichung des bauernstands bei den nazis findet sich hier (und in anderen werken hausers) eine umfassende wertschätzung aller handwerklichen tätigkeiten /produkte /werkzeuge einschließlich der industriearbeitern gegenüber handel und kapitalismus. Zugleich zeigt sich hier wie in anderen arbeiten des autors seine grundlegende sensibilität und achtung der natur gegenüber.

Hausers reportage vermittelt – anhand der modellhaften situation ostpreußen – das gesellschaftliche klima, in dem die massenhafte zustimmung zu den nazis in gesamtdeutschland zum naheliegenden nächsten schritt wurde. Dieses klima setzt sich zusammen aus unzähligen färbungen des alltagsbewußtseins, die als einzelne relativ belanglos sind. Auf diese weise funktionieren ideologische prozesse in jeder gesellschaft, dieses subtile einfärben von aussagen gehört zum handwerkszeug der allermeisten politiker und bestimmter massenmedien. Am anfang steht jedoch immer ein genuiner prozeß der affektiven besetzung individueller meinungen.
Soll die wiederveröffentlichung dieses buches also verständnis heischen für damalige NS anhänger? In einer weise durchaus. Aus zeitzeugenberichten wie der hier vorliegenden könnten wir lernen, welche folgen es haben kann, wenn eine mehrheit der bevölkerung sozialem abbau, diskriminierung durch die eigene bürokratie und struktureller hoffnungslosigkeit unterworfen ist – und dann eine rattenfängerpartei zur agitation bereitsteht. Das gilt damals wie heute, hier wie dort.

(Aus dem nachwort)

Wiederveröffentlicht wurde von heinrich hauser bei A+C bereits das autobiografisch orientierte buch  KAMPF. Geschichte einer Jugend (1934). - Wichtige neuveröffentlichungen besorgte der WEIDLE VERLAG Bonn.

 

 
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