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Mondrian w. graf v. lüttichau: GEGEN ENTFREMDUNG. Pfadfindereien um menschengemäße wahrheit

Störende oder überfordernde momente des lebens auszugrenzen aus dem eigenen bewußtsein, ist wohl teil unserer natürlichen kognitiven ausstattung. Seit beginn der überlieferten menschheitsgeschichte gibt es GEGENBEWEGUNGEN zu dieser gefahr für das soziale miteinander, nennen wir es nun entfremdung oder verdinglichung, materialismus oder traumatische dissoziation, falsches selbst oder instrumentelle vernunft, rassismus oder vorurteil.

Sozialarbeit/sozialpädagogik ist eine der komplexesten schnittstellen zwischen theorie und alltag, zwischen strukturen und individuen. Sie sollte zur avantgarde gesellschaftlichen bewußtseins gehören. – In meiner diplomarbeit von 1993 ('Alice Salomon-Fachhochschule Berlin') hatte ich versucht, material anzubieten zu einer solchen 'neuen sozialarbeit', ausgehend von drei bezugsebenen:

  • Der progressiven (selbst-)entfremdung (verdinglichung) in unserer zivilisation,
  • einer induktiven, vom individuum und seiner subjektivität ausgehenden erkenntnis- und erfahrungshaltung,
  • der grundsätzlichen offenheit gegenüber nichtmateriellen ("geistigen", "übersinnlichen", "spirituellen") aspekten menschlicher erfahrung.

Viele der herangezogenen quellen liegen (leider) weit abseits vom mainstream des gesellschaftlichen diskurses. Deshalb habe ich umfassend aus den quellen zitiert – um vielleicht neugierig zu machen..

Kommentar eines prüfers beim diplom-kolloquium: "Ist ihnen klar, daß sie damit im grunde versuchen, die sozialarbeit neu zu erfinden?!"
Der privatgelehrte hans imhoff in einem brief: "Ich blättere, lese, wälze, stöhne und lerne, ich spreche von meiner Beschäftigung mit Deinem Buch. (...) Jegliche Erziehung und Heilung geschieht um des Konformismus willen, der gerade als der Garant des Untergangs erkannt ist und dessentwegen Erziehung und Heilung geschehen soll. Schließt Du aber jeden Konformismus aus und schaffst damit die erste Bedingung zum Gelingen Deines Unternehmens, benimmst Du ihm den Zweck, die menschliche Gesellschaft. (...) Über die Voraussetzungen 'authentischen Lebens' zu reflektieren war Deine Aufgabe, die Du wohl einzigartig umfangreich, sorgfältig, beseelt und gescheit gelöst hast. Das Dumme nur, man hat den Eindruck: So wird es doch nicht, denn die Kette der erheischten Bedingungen reißt nie ab." (in: Hans Imhoff: 'ich für Dich bei mir. Briefe'; Frankfurt/M. 1997: Euphorion Verlag)
Lothar stiehm (ehemals leiter des Verlag Lambert Schneider) schrieb: "Lieber Mondrian, soll ich Ihnen etwas sagen?: in der vorigen Woche kam Ihre Sendung; ich nahm Ihre Manuskript-Kopie heraus - und ca. 4 Stunden später saß ich immer noch am Tisch und las und las! Natürlich nicht brav und systematisch. Sondern: hier ein Stück und da ein Stück und so querdurch. Ich wollte doch erst einmal die Luft schnuppern, und ich muß sagen: das war erfrischend, und ich kann fast überall Ja sagen. DANKE! Nun wird, sobald ich Ruhe dazu habe, die richtige Lektüre folgen. (Eines muß ich jetzt schon sagen: sollten Sie einmal wieder ein neues Exemplar 'herstellen': bitte machen Sie eines für mich mit! Einige Partien, die ich gelesen habe, sind mir so wichtig, daß ich sie ständig zur Hand haben möchte.)" (Brief vom 21.1.1998)

Die diplomarbeit wurde gründlich durchgesehen, etliche hinweise wurden ergänzt. -

Die kapitel können unabhängig voneinander gelesen werden. Beim segmentierten download separate seitenzählung.

1.Abschnitt  Titel und Einleitung

  Entzauberung der welt                                                                                                                                  
2.Abschnitt
a) Bewußtsein: Zwischen ich und außenwelt
b) Das ich als objekt des bewußtseins
c) Entfremdung zwischen göttlichem und irdischem
d) Der mensch als teil der natur
e) Entfremdung von körper und geist
f) Nur ein hinweis
g) Gewalt der vernunft
3.Abschnitt
h) Freiheit & notwendigkeit, idee & erfahrung 
4.Abschnitt
i) Karl marx
k) Dialektik der aufklärung
                                                 Rudolf steiner und die Anthroposophie
 5.Abschnitt
1) Lebensweg & Menschenerkenntnis
6.Abschnitt
m) Erziehungskunst
7.Abschnitt
n) Anthroposophische Heilpädagogik
 o) CAMPHILL

  Pfade in die wirklichkeit                                                                                                          
8.Abschnitt
Vorbemerkung
p) Das recht des kindes auf achtung
Ellen key/philippe aries/lloyd de mause 
Janusz korczak
Jean liedloff/joseph chilton pearce
Otto rühle/antipädagogik/kinderbewegung
Theodor w. adorno
9.Abschnitt  (q – 1)
q) Das leben lebt!
Neue wissenschaft
Systemtheorie & kybernetik
Selbstorganisation
10.Abschnitt  (q – 2)
Humanökologie
Soziale systeme
11.Abschnitt  (r – 1)
r) Erkenne dich selbst!
Leib & seele
12.Abschnitt  (r – 2)
Irren ist menschlich
13.Abschnitt (r – 3)
Wahnsinn der normalität
14.Abschnitt (s – 1)
s) Erziehung nach auschwitz
Theodor w. adorno 
Martin buber
15.Abschnitt (s – 2)
Selbstbestimmung und integration (Soziale induktion)
16.Abschnitt (s – 3)
Ökosophie/Tiefenökologie
Die poesie ist eine politische methode

  Auswege?                                                                                                                                                
17.Abschnitt
t) Anthroposophie im 21. jahrhundert?
u) 'Neue sozialarbeit'?
  Anhang                                                         
18.Abschnitt
Methodische skizze zur humanökologischen sozialarbeit
mit vor allem körperlich beeinträchtigten menschen
19.Abschnitt
Literatur

 

gesamt:
auc-22-ge-gesamtalt 2,05 Mb

 
Heinrich Hauser: KAMPF. Geschichte einer Jugend

 

Der seemann, schriftsteller, farmer, fotograf und dokumentarfilmer HEINRICH HAUSER (1901 – 1955) trat 1918 als seekadett ein in die Marineschule Flensburg. Dort war er augenzeuge der Novemberrevolution. Zum schein schloß er sich kurzfristig den revolutionären matrosen an; anschließend wurde er mitglied des Freikorps Maercker und war beteiligt am bürgerkrieg zwischen reichsregierung (freikorps) und revolutionären aktivisten (Arbeiter- und Soldatenrat).

Kurzzeitig arbeitete er anschließend in einem hüttenwerk in ruhrort. Er schloß sich einer freikorps torpedobootflottille an und erlebte ausläufer des Kapp-Putsches, mit dem er sympathisierte. Von 1920 bis 1922 arbeitet hauser unter anderem als barmann und am hochofen, er macht zwei ansätze, medizin zu studieren und erlebt seine erste liebesgeschichte. In den jahren 1923 bis 1930 war er als (leicht-)matrose auf handelsschiffen und nahm dort an fahrten in alle kontinente teil. –

1925 wurde heinrich hauser mitarbeiter der Frankfurter Zeitung. Der vor allem in den 30er jahren sehr erfolgreiche autor schrieb zahlreiche Essays, reisereportagen und romane. Für seinen zweiten roman 'Brackwasser' erhielt er 1928 den Gerhart Hauptmann-Preis. Im selben Jahr entstand die fotoreportage 'Schwarzes Revier' über das ruhrgebiet.

Von diesen ersten dreißig lebensjahren seines lebens berichtet das vorliegende, hier erstmalig wiederveröffentlichte buch. Die erstausgabe erschien 1934; spätestens seit 1933 sah hauser im nationalsozialismus eine perspektive zur verwirklichung eigener ideale – bis 1939. Im vorliegenden autobiografisch-belletristischen bericht will der autor diese parteinahme für die nazis aus seiner lebenserfahrung heraus begründen.

Heinrich hauser wanderte 1939 in die USA aus. Dort arbeitete er in verschiedenen bereichen; mit zwei aufeinanderfolgenden ehefrauen betrieb er jeweils eine farm, zunächst in south valley/roseboom (new york), dann in wittenberg (missouri). Im Jahr 1948 kehrte hauser nach deutschland zurück und wurde für wenige monate chefredakteur der gerade gegründeten zeitschrift STERN. Er konnte in der BRD an seine früheren publikumserfolge nicht mehr anknüpfen, schrieb neben erinnerungen an seine zeit als farmer am mississippi vor allem auftragswerke (meist für die industrie). Jedoch hatte hauser bis ans lebensende ideen für unterschiedlichste, meist nicht verwirklichte projekte. Vierundfünfzigjährig starb er, offenbar durch freitod.

In jüngster zeit wurden mehrere seiner bücher wiederveröffentlicht, es gab eine ausstellung seiner fotografien aus dem ruhrgebiet, einer seiner filme wurde restauriert und wird ab und zu gespielt. Es gibt eine sehr materialreiche biobibliografische dissertation. Das hier wiederveröffentlichte frühe schlüsselwerk 'Kampf. Die Geschichte einer Jugend' versteht sich als nächster schritt dieser (notwendigerweise kritischen) wiederentdeckung des menschen und des autors heinrich hauser.

Heutzutage findet sich für dieses buch öffentlich kaum mehr als der hinweis, hauser habe sich mit ihm den nazis andienen wollen. Das ist nicht ganz falsch; jedoch lädt es darüberhinaus seite für seite ein zum nachdenken über sozialpsychologische, prozeßsoziologische, mentalitätsgeschichtliche zusammenhänge jener zeit – aus einem blickwinkel, der in den bis zur ermüdung gleichlautenden zeitgeschichtlichen interpretationen der populären medien fehlt; aber es ist dezidiert kein NS-ideologischer blickwinkel. - Wer sich nur aus den zeugnissen "linker", "fortschrittlicher" und "antifaschistischer" kräfte informiert über die vorgeschichte des NS‑deutschland, wird bestimmte aspekte der sozialhistorischen realität nicht verstehen. Solche ideologisch bestimmte selektive sicht ist einer der gründe, wieso wir aus der geschichte so wenig lernen. Robert musil schrieb zu diesem thema: "Die berühmte historische Distanz besteht darin, daß von hundert Tatsachen fünfundneunzig verlorengegangen sind, weshalb sich die verbliebenen ordnen lassen, wie man will."

Mit einem ausführlichen nachwort des herausgebers, mondrian v. lüttichau.

 

 
Mondrian v. Lüttichau: DISSOZIATION UND TRAUMA. Grundlagen für Betroffene und HelferInnen

 

Die traumabedingte Dissoziation ist ein bedeutsamer neurobiologisch fundierter schlüssel zum verständnis existenzieller seelischer krisen und gehört zu den grundlagen der psychotraumatologisch orientierten psychotherapie. Demgegenüber gibt es im netz noch immer kaum praxisorientierte, fundierte und zugleich allgemeinverständliche Einführungen in diesen themenkreis.

In folgerichtigem zusammenhang informiert diese veröffentlichung über zentrale aspekte: Kindheitstrauma – Traumatherapie – Strukturelle Dissoziation – Borderline – DIS (Multiple Persönlichkeit) – Rituelle Gewalt – Psychose und Trauma. Grundlage der darstellung sind in jedemfall konkrete erfahrungen aus der langjährigen beratung und begleitung von traumabetroffenen, die durch psychotraumatologische erkenntnisse belegt werden. Zentrale texte des informationsportals www.dissoziation-und-trauma.de wurden für dieses e-book durchgesehen, ergänzt und in Zusammenhang gebracht.

Darüberhinaus soll mit diesem e-book die realität psychischer traumatisierungen in kindheit und jugend enger verknüpft werden mit den in meinem verlagsprojekt AUTONOMIE UND CHAOS BERLIN dokumentierten arbeiten (stichworte: vorgeschichte der NS-zeit, nazi-terror, progressive entfremdung/ verdinglichung in unserer zeit). All diese menschheitlichen erfahrungen gehören ja tatsächlich zusammen!

 

 
Rachel, Klaus, Moni, Lars, Habiba, Ben & Laura: UNSER SIEG ÜBER DIE RITUELLE GEWALT

 

Rachel war seit frühester kindheit RITUELLER GEWALT ausgeliefert. In den ersten lebensjahren galt sie als "geistig behindert", später wurde autismus diagnostiziert. Durch Gestützte Kommunikation (FC) wurde ab 1993 deutlich, daß sie nichts weniger als kognitiv beeinträchtigt ist. Als in rachels FC-botschaften zunehmend hinweise auf sexuelle gewalt auftauchten, wurde erst dies zum auslöser für erinnerungen von laura, ihrer mutter, an ihre eigene traumatische kindheit. Mutter und tochter waren opfer desselben germanofaschistischen kults gewesen, dem auch verwandte angehörten!

Bei rachel hatte sich eine dissoziative persönlichkeitsstruktur (multiple persönlichkeit) entwickelt. Sprechen wie selbständiges handeln ist für sie bis heute verknüpft mit verboten, schrecklichen erfahrungen und programmierungen der täter. Mithilfe der Gestützten Kommunikation haben verschiedene persönlichkeiten ihre systems seit 1993 auf weit über 1000 seiten umfassend über folterungen, demütigungen, programmierungen und sexuelle gewalt der täter berichtet. Neben den FC-dialogen mit der mutter entstanden selbstdarstellungen der innenpersönlichkeiten, gedichte. Auch an mehrere selbsthilfezeitschriften richtete rachel und ihr system auf austausch und unterstützung hoffende FC-briefe. Das stimmengewirr innerhalb der texte zeigt ein nuanciertes, aber orientierungsloses aufarbeitungs- und beziehungsbedürfnis. Diese botschaften sind ein überwältigender und erschütternder selbstheilungsversuch des multiplen systems.

Kaum je wurden die unterschiedlichen (und meist dazuhin irritierten) blickwinkel dissoziativer teilpersönlichkeiten auf die eigene traumatische lebensgeschichte sowie ihre schrittweise klärung und aufarbeitung über bald zwei jahrzehnte in einer publikation nuanciert dargestellt. Durch einen ebenfalls dokumentierten mailkontakt von 2011 wird die noch immer bestehende innere verwirrung eines multiplen systems nachvollziehbar, die schwierigkeit, etwas von dem grauenhaften konsistent und nachvollziehbar zu vermitteln, selbst wenn vertrauenswürdige bezugspersonen vorhanden sind.

Durch das hier vorliegende, in seiner vielschichtigkeit, nuanciertheit und stringenz singuläre zeugnis können wir vieles lernen über die psychodynamik von Struktureller Dissoziation (speziell bei DIS) wie über täterintrojekte und konditionierung bei Ritueller Gewalt, über die praxis von sexueller kinderversklavung (hier in deutschland!), aber auch über Gestützte Kommunikation (FC) und die gratwanderung zwischen fürsorge und selbstverantwortung bei menschen mit beeinträchtigungen, nicht zuletzt über lebenskräfte (resilienz), über die unabweisbare sehnsucht nach mitmenschlicher begegnung. - Wichtiger aber ist, daß diese dokumentation für laura, für rachel und alle persönlichkeiten ihres systems zum manifest einer grundlegenden abgrenzung wird: Das grauenhafte ist gewesen - aber es ist vorbei. Wir haben die Rituelle Gewalt nicht nur überlebt, - unsere menschlichkeit, lebenszugewandtheit und liebesfähigkeit hat gesiegt!

 (Nachwort mondrian v. lüttichau)

 

Achtung - triggerwarnung!
Die dokumentation enthält durchgängig beschreibungen brutaler gewalt.

 

 
Nora Waln: NACH DEN STERNEN GREIFEN

Deutschland, Österreich und Tschechoslowakei 1934-1938

 

Die US-amerikanische journalistin nora waln (1895-1964), aus wohlsituierter quäkerfamilie, erkundete von 1934 bis 1938 deutschland und österreich. Ihr 1939 in london und boston veröffentlichter bericht lebt von der für den leser nachfühlbaren zeugenschaft der autorin. Nora walns grundlegender blickwinkel ist ein humanistisch, idealistisch begründeter pazifismus ohne parteipolitische reflexionen, sowie eine zumindest mir sympathische affektiv besetzte gelehrsamkeit.  Immer deutlicher flackern in traulichen szenerien unvermittelt momente von gleichschaltung, unterdrückung und gewalt auf – selbst dies zunächst noch verkleidet in spießbürgerlicher ordentlichkeit, idealistischer begeisterung oder als seien es bedauerliche einzelfälle.

Nora waln zeigt sich im verlauf ihrer vier jahre in deutschland (und österreich) lernfähig, und sie dokumentiert die zögerliche wandlung ihrer zunächst sehr idealistischen einschätzung mit einem hauch bitterer ironie. Ihre zunächst naiv wirkende neutralität modifiziert sich mit den erfahrungen im nationalsozialistischen alltag zur feldforscherischen taktik. In verbindung mit ihrer sozialpsychologisch nuancierten beobachtungsgabe (und ihrer genuinen menschenliebe!) entsteht ein bericht, der nichts weniger ist als apolitisch.

Manche schilderungen harmonischer, idyllischer alltagsszenen oder auch traditioneller umgangsformen lassen sich heute kaum ohne widerwillen lesen. Nach 1945 gehörten solche erinnerungen in deutschland jedoch zu den wenigen scheinbar unkorrumpierten vorbildern für alltag und selbstgefühl. Im westen haben sie zumindest die adenauer-zeit wesentlich mitbestimmt, in der DDR scheinen sich versatzstücke daraus länger gehalten zu haben. Zur reflexion der NS-sozialisierten generationen über die verbrecherischen aspekte der nazizeit – gar noch im gespräch mit den nachgeborenen kindern – taugte entsprechendes selbstverständnis ebensowenig wie zu ihrer integration in die von massenmedien, konsum, kulturindustrie und "sexueller revolution" bestimmten gesellschaft nach 1950.

Heute, 50 jahre später, kann gerade nora walns laien-ethnografischer bericht für uns deutsche eine brücke schlagen zur welt unserer eltern, großeltern oder urgroßeltern.

Ihr augenzeugenbericht vom alltag im austrofaschismus (1936/37) läßt die spezielle österreichische mischung historischer hintergründe und innergesellschaftlicher ideologien und kräfte ahnen. Unabweisbar wird die geradezu mephistophelische raffinesse der schachzüge von NS-politik und -propaganda, mit der das öffentliche klima in österreich manipuliert wurde. Wieder ein anderer zeitgeschichtlicher blickwinkel auf die vorgeschichte des NS öffnet sich in ihrem umfangreichen kapitel zur situation in der tschechoslowakei, dem seinerzeit wohl fortschrittlichsten demokratischen impuls in mitteleuropa.

Bis in die letzten seiten des buches läßt sie die leserInnen teilhaben an ihren unvereinbaren erfahrungen und empfindungen in einem ideologischen spiegelkabinett. Gerade ihr tiefer ernst und ihre konsistente achtsamkeit über mehrere jahre ermöglichen uns, der damaligen soziodynamik in den von ihr rezipierten schichten und kreisen nachzuspüren. Solche zeitzeugenberichte aus dem blickwinkel individueller ("subjektiver") erfahrung und interpretation sind unverzichtbare erkenntnisquellen, die durch prozeßsoziologische bzw. mentalitätsgeschichtliche forschungsansätze behutsam erschlossen werden können.

Der text bietet sich nicht an zur selbstgerechten unterscheidung von bösen nazis und unschuldigen bürgern, sondern nötigt zur reflexion der vielschichtigen verstrickungen der deutschen bevölkerung jener zeit. Er ist ein atemberaubend hautnahes, geradezu intimes, einfühlsames – aber zugleich gespenstisches dokument aus dem innenleben nazideutschlands.

Nora waln engagierte sich bereits mit 20 für die 1915 fast ausgerotteten armenier, später lebte sie 20 jahre in china, schrieb darüber zwei seinerzeit populäre bücher. Nach 1945 arbeitete sie als journalistin in mehreren ländern des fernen ostens.

Das hier neuveröffentlichte buch erschien 1939 (in zwei unterschiedlichen versionen) in london und boston. Weitgehend unbeachtet kam 1947 eine deutsche ausgabe heraus.

Für diese erste deutsche neuausgabe wurde die übersetzung revidiert, gestrichene passagen wurden integriert. Ergänzt wurden zeitgeschichtliche anmerkungen sowie ein nachwort des herausgebers mondrian v. lüttichau.

 

 
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