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Günter Steffens: DIE ANNÄHERUNG AN DAS GLÜCK

Neu im September 2018

Erst 1965 publizierte Günter Steffens (1922–1985) einen kleinen Roman unter dem Titel DER PLATZ. Danach war es lange Zeit wieder still um ihn, bis 1976 ein zweites Buch herauskam, der hier erstmalig wiederveröffentlichte autobiographische Roman DIE ANNÄHERUNG AN DAS GLÜCK. Äußerer Anlaß des Buches war das unaufhaltsame Sterben seiner an Krebs erkrankten Frau. Nach ihrem Tod versinkt Leo, der Protagonist, in eine depressive Selbstzerstörung, die zur einzig möglichen Selbstbewahrung wird. Es gibt keinen Trost in sozialer Bestätigung, gar Geborgenheit; Momente von Bewältigung liegen allenfalls noch im sprachlichen Dingfestmachen des Weiterlebens. Aber es gibt kein Gegenüber für diese Erfahrungen.
Der maßlose, ausschweifende, chaotische, zärtliche, hilflose, egozentrisch-narzißtische Bewußtseinsstrom trägt seinen Sinn in sich; kein Satz ist überflüssig – oder jeder Satz könnte es sein: das rhizomatische Prinzip, - ein gewalttätiges Wurzelgeflecht des Lebens; nur so war dem Autor weiterleben noch möglich. Am Ende steht der Impuls, diese drei Jahre nach dem Tod von B zu dokumentieren. – Primum vivere, deinde scribere? Die Aporie des kreativen Menschen ist wohl das innerste Thema dieses Nicht-Romans.
Die Schublade Regression drängt sich auf, ja – aber wie Leo (der Autor?) diesen Sog der Regression (dem möglicherweise eine traumatische Sozialisation vorausging – manches deutet darauf hin) gedanklich und sprachlich formt, legitimiert die regressive Haltung als Lebensbewegung. Auch das kann Leben sein, auch so. Wieviel LEBEN ist in dieser Totenklage über ungelebtes Leben, für die B's Tod nur Anlaß war!
Das Buch läßt sich als bewußt-unbewußte Gegenbewegung zum Karzinom, dem Leben zerstörenden Lebensprozeß verstehen. Das ganze gelebte Leben wird hineingenommen in dieses Buch vom Sterben und vom Tod, wie in den mittelalterlichen Totentänzen. Der sogenannte soziale Abbau der Hauptperson, Leo (des Autors?) ist ein Ringen um Selbstachtung angesichts des schrittweisen Verlusts von Selbstachtung. Zugleich bildet Steffens' Text den Krebs selber ab – die unausweichliche Zerstörung des organischen, seelischen wie sozialen Gewebes. Hoffnungslos entfremdet waren die Beziehungen zwischen den erwachsenen Hauptpersonen seit jeher; erst jetzt wird es offensichtlich.
Sympathisch muß uns der Icherzähler nicht sein; wahrhaftig ist seine Selbstdarstellung zweifellos. Ein qualvoll ehrliches Buch ist das. Und es steht für uns alle, für die unvermeidliche Entfremdung des Menschen (aller Menschen) und der mitmenschlichen Beziehungen zumindest in unserer entwickelten Zivilisation. Für das mehr oder weniger hilflose Bemühen, im Schlamm der (Selbst-)Entfremung authentische, lebenswerte Empfindungen, Interpretationen und Entscheidungen zu erspüren. "Es ist im höchsten Grade wahrscheinlich, ist das ganz Normale, wie alles, was schrecklich ist."
(Aus dem Nachwort)

 

 
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