gototopgototop
Übersicht

Auf diesen Seiten finden Sie zu jedem Buch eine kurze Einleitung und die Möglichkeit, es per Klick auf den PDF-Link zum Lesen zu öffnen. Alle Bücher können Sie kostenfrei speichern und bei Bedarf auch ausdrucken (Seitenformat DIN A 4).

Kostenlose online-Tools ermöglichen die Umwandlung in das e-pub-Format: epub-Converter oder pdf2epub-Tool. Es gibt auch andere.

JAVA-SCRIPT sollte aktiviert sein. Beachten Sie ggf. auch die Hinweise im Menüpunkt HILFE !

Eine unkommentierte schnelle Übersicht mit Links zu allen Titeln gibt's im sitemap.



Ernst Glaeser: DER LETZTE ZIVILIST

Ernst glaesers 1928 erschienener erster roman JAHRGANG 1902 war ein internationaler erfolg, an den das zweite, FRIEDEN 1919 (1930) anknüpfen konnte. 1933 wurden auch diese bücher von den nazis verbrannt.
Glaeser siedelte im dezember 1933 mit seiner frau und seinem 4-jährigen sohn in die tschechoslowakei über, von dort ging er 1934 nach locarno und im oktober 1935 nach zürich. Der dort entstandene und hier wiederveröffentlichte dritte roman DER LETZTE ZIVILIST zeigt nuanciert die schrittweise machtergreifung der NS-ideologie in einer süddeutschen kleinstadt. Es wurde im laufe der folgenden jahre (angeblich) in 14 sprachen übersetzt.
In den folgenden jahren distanzierte sich glaeser zunehmend von den antifaschistischen deutschen emigranten. Am 1. april 1939 kehrte er nach deutschland zurück.
Im NS-deutschland durfte glaeser eingeschränkt publizieren. Nach 1945 wurden weiterhin werke von glaeser veröffentlicht, der autor konnte jedoch nicht mehr an seine erfolge der 1930er jahre anknüpfen. Ernst glaeser, geboren 1902, starb 1963 in mainz.

Zweifellos wollte der autor mit dem exilroman DER LETZTE ZIVILIST (1936) der öffentlichkeit die augen öffnen über die kollektive psychodynamik der bevölkerung in deutschland. Er wollte nachvollziehbar machen, wieso eine mehrheit von deutschen zu parteigängern der nazis wurden und es geblieben sind. Ihm ging es kaum um den konkreten antifaschistischen widerstand (der in kommunistisch orientierter exilliteratur im vordergrund stand), eher um die überwindung derartiger deformationen des menschlichen, – um "Erziehung nach Auschwitz" (adorno), allerdings bereits vor auschwitz.
Der übergang "ganz normaler" bürger zu nazis konnte in den 30er jahren beobachtet, aber noch nicht verstanden werden. Bekanntlich streiten sich die fachwissenschaften bis heute um diese frage. Der roman bietet erfahrungsmaterial zu dieser frage und lebt aus der sensiblen beobachtung sozialer und ideologischer zusammenhänge. Er ist organisiert wie das szenario eines films. Krasse schnitte richten die aufmerksamkeit unmittelbar auf das bild der szene, klischeehafte momente malen soziale situationen aus. Die personen wirken gleegentlich wie rollen im kabuki-theater.
Kein zufall, daß manche passagen sich lesen, als habe ein NS-protagonist sie geschrieben. Eine von allen unerwünschten affekten gereinigte "wissenschaftliche" darstellung der NS-deutschen realität ist jedoch noch keine bewältigung, eher eine entwirklichung. Um tiefgründiger nachzuvollziehen, wie es damals (vermutlich) war, ist es nötig, sich gelegentlich in den dreck, in das ekelhafte hineinzufühlen, das zur nazifizierung der deutschen bevölkerung gehört. Durch glaesers nuancierte darstellung wird auch die rhetorisch-manipulatorische machtergreifung der NS nachvollziehbar. Nur in wenigen zeitzeugenberichten wird die emotionale wirkung von hitlerreden in der damaligen zeit nachvollziehbar, ja vielleicht sogar nachfühlbar wie hier.

Die handlung dieses romans ist durchgängig modellhaft zu verstehen, es geht nicht um individuelle schicksale. Ähnlich sozialwissenschaftlichen und psychohistorischen darstellungen sollen glaesers vignetten typische soziale konstellationen verdeutlichen. Hinter diesen mustern liegt dennoch viel einfühlungsvermögen in das gewordensein der figuren. Einzelne situationen lassen sich als parabeln verstehen, manches ist symbolisch aufgeladen. Manche slapstickhaft überzogene szenen sind eher komödiantisch gemeint.
Es ist ein böses – und ein trauerndes buch. Von ekel geschüttelt gegenüber den deutschen, die mit vielfältigen varianten von gift und galle, von lüge und betrug und menschenverachtung deutschland zu zerstören beginnen, – und trauernd um dieses deutschland, das für glaeser (wie sich zeigen sollte) als heimat unersetzbar blieb wie seinen hauptfiguren bäuerle und hans diefenbach.

Bekanntlich ist ernst glaeser 1939 zurückgegangen nach deutschland. Er habe seinen frieden gefunden mit den nazis, heißt es manchmal. Bereits durch den vorliegenden roman läßt sich ahnen, daß das doch etwas komplizierter war. Einige erzählungen zeigen deutlich glasers unauflösbare seelische gebundenheit an die heimat in (süd)deutschland, jenseits aller politischen umstände. In einer der erzählungen (ANDANTE 1939) geht es um seine rückkehr nach deutschland nach fünf jahren exil. "Nein, ich gehöre nicht zu dieser Musik. Mögen auch die Marktplätze überquellen von ihren Fanfaren und die Hybris des Muskels sich auf den Podien spreizen, unvergänglich bleibt, vor dem Geschmetter, dem Aberwitz des Aufstands, der kleine Spalt auf Deutschland, die Heimat, das erste Land." Heimatsuche wird in glaesers büchern direkt oder indirekt immer wieder thematisiert. Affirmative und kolportageelemente wie politische anpassung (im NS wie in der adenauer-BRD) liegen meiner meinung nach seinem schmerzhaften bedürfnis nach geborgenheit in vertrauter umgebung (sei es der menschen, sei es der natur) zugrunde. – Deutschland als liebesobjekt: nationalismus kann auch symptom sein für bindungssehnsucht, bindungsgestörtheit, die auf diese weise kompensiert wird. Dies dürfte für nicht wenige menschen gegolten haben und gelten, auch anderswo, auch heutzutage.
Diese neuausgabe bei A+C orientiert sich an der erstausgabe (1936).

(Aus dem nachwort)

 

 
Emilia Mai: BERICHT

Emilia Mai ist jetzt Anfang 20. Seit frühester Kindheit war sie sexueller Gewalt und anderer Folter unterworfen – zunächst durch den Vater, später durch eine Vielzahl fremder Männer, denen sie vom Vater (zweifellos für Geld) weitergegeben wurde. Menschenhandel, Zwangsprostitution, Folter, Sadismus, kollektive Vergewaltigungen, Produktion von Kinderpornografie: Dieser bei A+C veröffentlichte Bericht ist repräsentativ für den Leidensweg vieler Kinder und Jugendlicher, auch bei uns in Deutschland.

Emilia Mais Bericht zeigt repräsentative Nuancen, die woanders nicht so deutlich werden – und kann dadurch HelferInnen oder andere Außenstehende dabei unterstützen, sich vorzustellen, wie es Überlebenden geht, und auch: aufmerksam zu werden im Alltag, im Berufsleben (als KindergärtnerIn oder LehrerIn, als Kinderarzt, Hausarzt oder NotfallmedizinerIn).
Da sind Eltern, die als Pädagoge und Psychotherapeutin möglicherweise zu Recht anerkannt werden, die vielleicht tatsächlich Einfühlungsvermögen zeigen im Berufsleben. Daß sie andererseits eigene Kinder mißachten, vernachlässigen und im Stich lassen (wie die Mutter) bzw. foltern, vergewaltigen und "verkaufen", läßt sich zumindest hypothetisch erklären durch unterschiedliche Ichanteile (Ego States), die wiederum mit der kindlichen Sozialisation dieser Eltern zu tun haben.
Bei Emilias Eltern werden grundlegende Elemente dysfunktionaler Familien überdeutlich. Der gnadenlose Sadismus des Vaters (Täters) kann durch nichts relativiert werden. Aus prophylaktischem, epidemiologischem Blickwinkel ist es jedoch wichtig, psychische Umstände zu benennen und zu erforschen, die Grundlagen derartiger Gewaltätigkeiten sein können.

Derartige sadistische, krankhaft narzißtische oder anderweitig schwerstgestörte Väter (und andere primäre Bezugspersonen) stehen wohl oft am Anfang einer entsprechenden Leidensgeschichte. Im nächsten Schritt wird das Kind an andere Täter "verliehen" – und gelegentlich findet sich als "Abnehmerin" auch eine Kultgruppe der Rituellen Gewalt. Selbst wenn jetzt der ursprüngliche Täter (Vater/Eltern) altersmäßig ausscheidet, ist das Opfer weiterhin gefangen. Sofern sich eine multiple Persönlichkeit (DIS) entwickelt hat, passen sich die verschiedenen Teilpersönlichkeiten (Anteile) an das umfassendere Spektrum zwischen Gewalttaten und alltäglichem Leben an – als einzige Möglichkeit, unter diesen Bedingungen zu überleben. Eine derartige Konstellation dürfte das Verbindungsglied sein zwischen der zweifellos häufiger vorkommenden sexuellen Gewalt ausschließlich innerhalb der Familie (Inzest) und Gruppen der organisierten/rituellen Gewalt.

Emilia Mai bezeugt in ihrem Bericht auch eine in der medialen Öffentlichkeit noch immer gerne bezweifelte Tatsache, nämlich die Existenz von nichtregistrierten Säuglingen und Kindern. Viele von ihnen werden vornehmlich aus Osteuropa eingeschleust und hier den teuflischen Bedürfnissen entsprechender Täter geopfert.

Deutlich wird beim Vater, aber auch bei anderen Tätern, die schrittweise Steigerung der Perversion, – das Ausprobieren, das Lernen der Täter durch die eigenen Empfindungen beim Ausleben von sadistischer Gewalt, der Genuss der Macht.

Spontan möchte ich jeden Mitmenschen davor bewahren, diese Veröffentlichung zu lesen, – aber es muß auch solche Zeugnisse geben. Wie sollten Außenstehende sonst auch nur ahnen können, wie es den Opfern der organisierten, rituellen Gewalt ergeht – nicht einem, nicht hundert, nein, vielleicht tausenden allein in Deutschland. Wie sollten wir ganz normale Bürger sonst auch nur ahnen, was für ein Doppelleben manche von uns führen.

(Aus dem Nachwort)

ACHTUNG – TRIGGERWARNUNG!
Dieser Bericht enthält konkrete Darstellungen schwerster sexualisierter Gewalt!

 

 
Jeannette Lander: EIN SOMMER IN DER WOCHE DER ITKE K.

Georgia, USA, 1944/45. – Jeannette Landers erster Roman bewahrt Momente einer Lebenswelt, die bald darauf verlorenging im zunehmend aggressiven Kampf der farbigen Amerikaner um ihre Bürgerrechte und gegen die traditionelle, strukturelle Gewalt der Weißen. Das Buch handelt von einer wohl seltenen lokalen Konstellation in den Südstaaten der USA, in der Fremdenfeindlichkeit, Rassismus sich aufzulösen schien, in der eine Heilung der babylonische Sprachzersplitterung vorstellbar schien. Aber es war nur eine dünne, wenig tragfähige Schicht Humanität über der Gewalt, dem Rassenhaß, der vorteilsbedachten gegenseitigen Ausgrenzung – auf seiten der Weißen wie der Schwarzen.

Erzählt wird durchgängig aus dem kognitiven und affektiven Blickwinkel der vierzehnjährigen Itke. Die drei Lebenskreise ihrer Kindheit, "der jiddischamerikanische, der schwarzafrikanische und der weißprotestantische", nicht zuletzt die Sprachwelten verdichten sich zu vielfältig-schamanischen Bedeutungszusammenhängen, einer Alchimie der Erfahrungen. Zwei Schwerpunkte hat diese Kindheit (im wesentlichen zweifellos diejenige der Autorin): die Sehnsucht all dieser Menschen nach einem einfachen Leben miteinander, nach Frieden und mitmenschlicher Wärme, – und andererseits die Auswirkungen einer Welt der Jim Crow-Gesetze, der Rassentrennung: Mißachtung, Gewalt, Mißtrauen, Demütigung, Resignation, hilfloses situatives Aufbegehren. Daneben die informellen Hierarchien: zwischen helleren und dunkleren Farbigen, besser und schlechter Ausgebildeten; es gibt die Verordnungen einer indolent-menschenverachtenden Bürokratie, dann das lokale Establishment der Weißen, davon abgegrenzt die armen Weißen, und nochmal darunter die Juden (also auch Itkes Elternhaus), mit denen zumindest bestimmte angloamerikanische Weiße sich nicht abgeben mögen. Doch auch zwischen Diaspora-Juden und in Amerika geborenen bestehen hierarchische Abgrenzungen. Dazu kommen Warenbeschränkungen und andere Auswirkungen des Zweiten Weltkriegs. Es gibt rituelle jüdische Vorschriften, die jedoch nur sehr flexibel eingehalten werden. Und das geschäftsbedingte Taktieren beim Vater, dem "karitativen Kaufmann" mit seiner "brüchigen Humanität". Dann das ganz Fremde der Farbigen: die gnadenlose Armseligkeit vieler, die Ekstase ihrer Gottesdienste, ihrer Tänze, Hoodoo Rituale. Hilflose Wut flackert auf zwischen einzelnen Menschen. Ahnungen von politischer, struktureller, traditioneller – ungreifbarer – Ungerechtigkeit und Gewalt. Und Sex – für manche AfroamerikanerInnen einzige Möglichkeit, selbstbestimmte Lebendigkeit zu entfalten; wodurch sie Weiße faszinieren und ihnen gelegentlich zum Vorbild werden. Basso continuo zu alldem ist die archaische, grell-heiße, üppige Natur des Südens.

In der Sprache dieses Romans kobolzt die kindliche Freude, Varianten, Assoziationen, Alliterationen und Neologismen auszuprobieren. Regeln zu Syntax, Zeitenfolge und Zeichensetzung haben nur periphere Bedeutung. Darin liegt die für Itke (das Kind) zweifellos vor allem kreative sprachliche Vielstimmigkeit, das teils regelhafte, teils spontan-zufällige soziale Durcheinander ihrer heimatlichen Szenerie: es sind Sprachbilder, nicht zuletzt Sprachwelten. Manche Szenen erinnern (mich) an James Joyce, an surrealistische oder dadaistische Kurzfilme, in anderen zerreißt jedes soziale Miteinander, brutal zeigt sich die Realität menschlicher Entfremdung und läßt uns hilflos am Rand des Textes zurück. Itkes polnisch-jiddische Eltern läßt die Autorin jiddisch reden – auch mit den afroamerikanischen KundInnen, deren Slang verblüffend authentisch ins Deutsche übertragen wurde.

Ein Sommer in der Woche der Itke K. erschien 1971 bzw. 1974. Diese erste Neuausgabe entstand in Kooperation mit der Autorin. Bestandteil der Wiederveröffentlichung ist die Audio-Datei ihrer Lesung aus dem Buch (siehe hier unterhalb).

Jeannette Lander starb am 20. Juni 2017.

 



Jeannette Lander • Lesung aus EIN SOMMER IN DER WOCHE DER ITKE K.



Download

Download

Download

Download

Download




 
Mathias Benedict Graf v. Lüttichau. Lucin 1881 – Zingst (Darß) 1947

Unter "Familiengeschichte" verstehe ich das reale Geflecht miteinander verwandter Menschen – jenseits irgendwelcher traditioneller, geschlechtlicher, elitärer, finanzieller oder rassistischer Kategorisierungen: angeheiratet oder Namensträger von Geburt, weiblich oder männlich, ehelich oder außerehelich, Kolonialwarenhändler oder Bankdirektor, adelig oder bürgerlich, weiß oder farbig. Familiengeschichte kann auf diese Weise zum Impuls werden, Brücken zu schlagen zwischen Menschen, Neues zu verstehen aus ganz anderen mitmenschlichen Welten!

Als ich jetzt zu meiner großen Überraschung erfuhr, daß mein Großvater Mathias Benedict Graf v. Lüttichau (Thies) einen vorehelichen Sohn hatte, mit dem er in seinen letzten Lebensjahren in väterlich-zugewandtem Briefwechsel stand, wurde genau dies zum Anlaß für die hier vorliegende Veröffentlichung innerhalb der "Beiträge zur Familiengeschichte". Sie enthält von Mathias neben den Briefen an seinen ersten Sohn Karl Heinz Platzdasch frühe Gedichte sowie Tagebuchaufzeichnungen aus dem damaligen Deutsch-Südwestafrika (Namibia) von 1910. Dazu kommen Zeugnisse der Familie Platzdasch-Dargatz sowie Erinnerungen seines zweiten Sohnes Harald, eines Freundes von Thies sowie eine kleine Ahnentafel.

Bei der Lektüre der Briefe an Karl Heinz Platzdasch sowie der hier ebenfalls dokumentierten Tagebuchaufzeichnungen aus Namibia stellt sich die Frage: War Thies ein Rassist, ein Nazi? Oder wurde er einer? Oder war er ein taktischer Mitläufer, bedacht auf seine eigenen Vorteile? Wo war seine in den Briefen an seinen ersten Sohn und anderswo bezeugte mitmenschliche Aufmerksamkeit beim Hören von Hitler- und Goebbelsreden, bei all dem, was ja wohl auch er, in der Sand-und-Wasser-Einöde am äußersten Rand Deutschlands (oder spätestens bei seinem Einsatz im Stalag IIc Greifswald) mitbekommen haben mußte? – Was ist das überhaupt, ein Nazi zu sein? Solche Irritationen lassen sich kaum verdrängen.

Mittlerweile werden auch in der Öffentlichkeit Zeugnisse beachtet, die Aufschluß geben über die Gemengelage von Ideologemen und Traditionen, persönlichen Umständen und Interessen, die zusammengenommen den massenhaften Rückhalt des NS-Regimes in Deutschland bewirkt haben dürften.
Eine Grundlage dieser Gemengelage ist zweifellos das ideologische Sammelsurium, das seit dem Ende des Kaiserreichs durch Deutschland schwappte. Unterscheidliche Ideologeme waren Bestandteil des Welt- und Menschenbildes einzelner Bürger, andere wurden individuell abgelehnt. Und da das ideologische Syndrom des NS selbst ein Sammelsurium von (teilweise inkompatiblen) Elementen war, ergab sich in der deutschen Gesellschaft eine Fülle von individuellen politisch-gesellschaftlichen Standpunkten und Konsequenzen, sehr flexibles Rohmaterial für die nazistische Umerziehung der Bevölkerung.

Wollen wir es eigentlich noch so genau wissen? Zweckmäßig ist in jedemfall, über das Phänomen solcher komplexen, heterogenen Bewußtseinsinhalte nachzudenken, denn in unserer Zeit der von jedermann rezipierten (konsumierten) weltweiten Medien (als primäres Sozialisationsinstrument schon der Kinder) ist das nicht anders, nur noch komplexer, irisierender, unvorhersehbarer als damals. Nur sehr eingeschränkt und sporadisch wird derlei im Alltag reflektiert, vielmehr geht es vorrangig um affektive Besetzung von Ideologemen und Haltungen, um Meinungen, das heißt, solche aus der Gesellschaft kommenden Momente werden inkorporiert ins individuelle Selbst- und Weltgefühl.

Zum anderen aber sind wir es den Opfern der Nazis weiterhin schuldig, uns um Verständnis für diese Zusammenhänge zu bemühen – auch, weil es weiterhin Millionen Opfer von Rassismus, Völkermord, ideologisch begründeten Diktaturen und deren fanatisierten Anhängern gibt.

(Aus dem Nachwort)

 

 
Martin Puder: ADORNO - HORKHEIMER - BENJAMIN

 

Die vor allem mit THEODOR W. ADORNO und MAX HORKHEIMER verbundene, seit 1937 im exil entstandene Kritische Theorie ist seit langem aus dem öffentlichen interesse verdrängt worden. Assoziiert wird sie heutzutage zumeist mit dem ambivalenten verhältnis zwischen adorno und der protestbewegung ab 1968 sowie mit ihrer angeblichen weiterentwicklung durch jürgen habermas und dessen philosophische schüler. Die Kritische Theorie (im sinne horkheimers und adornos) wurde jedoch weder unwahr noch irrelevant. Im gegenteil – die weltweiten gesellschaftlich-politischen entwicklungen der letzten fünfzig jahre bestätigen in erschreckender prägnanz ihre analysen, hypothesen und antizipationen.

Als einer von wenigen hatte der junge philosophieprofessor martin puder anfang der 70er jahre zurückverwiesen auf essentielle aspekte der Kritischen Theorie, die in dieser zeit aus dem philosophischen wie dem gesellschaftspolitischen diskurs jener zeit zunehmend abgedrängt wurden. Puders verstummen in der publizistischen öffentlichkeit seit den 80er jahren bedeutet zweifellos eine lebensentscheidung. "Heute zielt alles darauf, die objektive Verzweiflung, die Adornos Philosophie motiviert, zu verscheuchen", schrieb er in einem essay.

Martin puders hier erstmals zusammengetragene essays sind mitreißende, sternschnuppenhaft funkelnde einführungen in momente der Kritischen Theorie (mit schwerpunkt auf adornos werk) nicht für fachwissenschaftler mit zwei professoralen generationen sekundärliteratur im hinterkopf, sondern für menschen, die vorrangig ihre eigenen erfahrungen zur grundlage der reflexion über die menschenwelt machen. Puders arbeiten verstehe ich vorrangig als anknüpfungspunkte, die dazu beitragen könnten, von adorno zu lernen für unsere zeit. "Um zu sehen, wie aktuell Adorno ist, muß man nur die Zeitung aufschlagen", sagte christoph türcke in seinem referat auf der Berliner Adorno Tagung 1989. Oder heutzutage im internet surfen.

Wohl als erster hatte michail gorbatschow ab 1986 auf die unabwendbare notwendigkeit einer "weltinnenpolitik" hingewiesen. Die katastrophe von tschernobyl, die von brutalster gewalt bestimmten bürgerkriege auch hier in europa, das flugzeugattentat auf das WTC, genozid und flüchtlingsströme, die überall auf der welt eskalierende umweltzerstörung, aber auch fundamentale soziologische und sozialpsychologische veränderungen im zusammenhang mit der informationstechnologie, neuerdings die irrationale eskalation zwischen NATO und dem russischen machtzentrum.. – nichts davon sollte uns überraschen; diese prozesse lassen sich zumindest strukturell verstehen auf grundlage von sozialphilosophischen konzeptionen und hypothesen der Kritischen Theorie. Reflektiert wird jedoch über sie (zumindest in den medien) vorrangig auf der ebene politisch-taktischer erwägungen und reaktionsmöglichkeiten. Bei politischen handlungsträgern ist das nicht unbedingt anders.

Der autor martin puder wurde 1938 geboren. er studierte 1956 bis 1961 in berlin germanistik und altphilologie. Nach dem staatsexamen war er über ein jahr in indien, indochina und japan. 1963 kehrte er nach westdeutschland zurück und begann in frankfurt philosophie zu studieren. Die promotion (mit einer arbeit über kant) erhielt er bei theodor w. adorno und jürgen habermas. Puder war bis zu seiner emeritierung professor für philosophie an der Leibniz-Universität Hannover. Öffentliche wortmeldungen von ihm gibt es nur bis 1985; er starb im jahr 2000.

Einige von martin puders aufsätze waren für mich in den 70er jahren erste orientierungshife im umkreis der Kritischen Theorie. In ihrem unprätentiösen engagement sind sie weiterhin lesenswert und selbst noch relevant. Sie sollten bewahrt werden; auch deshalb diese veröffentlichung.

Mein nachwort skizziert den standort der Kritischen Theorie während der 68er-zeit und gibt hinweise auf aktuelle arbeiten zu ihren intentionen und ihrer relevanz für das 21. jahrhundert.

Die 3., wesentlich erweiterte auflage november 2016 (neuausgabe) enthält zusätzlich die erstveröffentlichung einer vollständigen vorlesung martin puders: WIRKUNG UND ERFOLG DER KRITISCHEN THEORIE (hannover, WS 84/SS 85) sowie zwei weitere kleine texte. Ein schwerpunkt der vorlesung ist die bedeutung WALTER BENJAMINs innerhalb der Kritischen Theorie.

Diese neuausgabe enthält einige zusätzliche abbildungen, auch das nachwort wurde erweitert.

 

 
<< Start < Zurück 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 Weiter > Ende >>

Seite 3 von 20
Increase Font Size Option 5 Reset Font Size Option 5 Decrease Font Size Option 5