gototopgototop
Übersicht

Auf diesen Seiten finden Sie zu jedem Buch eine kurze Einleitung und die Möglichkeit, es per Klick auf den PDF-Link zum Lesen zu öffnen. Alle Bücher können Sie kostenfrei speichern und bei Bedarf auch ausdrucken (Seitenformat DIN A 4).

Kostenlose online-Tools ermöglichen die Umwandlung in das e-pub-Format: epub-Converter oder pdf2epub-Tool. Es gibt auch andere.

JAVA-SCRIPT sollte aktiviert sein. Beachten Sie ggf. auch die Hinweise im Menüpunkt HILFE !

Eine unkommentierte schnelle Übersicht mit Links zu allen Titeln gibt's im sitemap.



Konrad Telmann: BOHÉMIENS (Berlin 1895)

 

Die neunzehnjährige helene aus thüringen entdeckt das weltstädtische berlin um 1890; sie selbst wird natürlich bald von den männern entdeckt. Eine anmutige biedermeiergeschichte scheint sich zu entfalten. Bald aber stolpert der leser über dissonanzen und untiefen. Konsequent bürstet telmann die ganz normalen umgangsformen jener zeit gegen den strich, indem er sie ernst nimmt (fast wie ein ethnografischer feldforscher) und dadurch das sexistische und entfremdete in ihnen sich entfalten läßt – unaufdringlich, innerhalb der zunächst noch unterhaltsamen handlung. Situation für situation wird die altbekannte kolportagefabel demontiert (denn auch klischees tragen ja eine wahrheit in sich). So liefert der kleine roman aus dem jahr 1895 eine subtile studie zum stand von geschlechtsrollen, zur anatomie der doppelmoral in jener zeit. Der buchtitel aber ist bitterste ironie; denn die angebliche "Bohème" ist nur schimäre, – projektionsmodell für gelangweilte gute bürger, wohlfeile ausrede für unterprivilegierte spießbürger, regressive oder narzißtische inszenierung.

Egoistisch-offensive männer und hilflos-hingebende frauen werden nicht klischeehaft gegeneinandergestellt. Telmann führt uns vielmehr erlernte und zueinander kompatible rollenmuster vor. Das gespinst der sozialisationsbedingten normalität, in das seine figuren hineingewachsen sind, in dem sie weitgehend bewußtlos feststecken, wird ebenso achtsam beleuchtet wie situative möglichkeiten authentischer mitmenschlichkeit und liebe, die allzuoft aus bequemlichkeit, selbstbetrug oder trägheit des herzens nicht oder nur für momente genutzt werden.

Bei männern wie frauen zeigt sich hinter den (unterschiedlichen) mustern von selbstentfremdung, verlogener rhetorik, ersatzbefriedigung und rollenspezifischer deformation, jenseits der wie geschmiert laufenden geschlechtsrollenmechanik deutlich die mehr oder weniger resignierte, unterdrückte, korrumpierte sehnsucht nach authentischer lebendigkeit und sozialer geborgenheit. Verhaltensweisen und empfindungen kommen teilweise aus einem Falschen Selbst, andererseits aber auch aus authentischen impulsen. – Situationen, dialoge und innere monologe laufen ab in gnadenloser deutlichkeit, fast lehrbuchhaft zeigen sich sozialpsychologische bedingtheiten und tiefenschichten der "normalen" verfaulten (doppel)moral im nebel der szenischen unmittelbarkeit. Dazu gehört die traditionelle frauenfeindliche doppelmoral, die auch von frauen verinnerlicht wird.

Die männlichen hauptfiguren, erfolglose schriftsteller, wirken zeitweise geradezu molluskenhaft; seelische deformationen finden sich bei ihnen in unterschiedlichen varianten einer regressiven, narzißtischen, hypochondrischen indolenz. Beide suchen sie im grunde eine mutter, keine partnerin. Die für männer angeblich typische chauvinistische selbstherrlichkeit zeigt sich eher als hilfloses (wenn auch wenig ehrenwertes) ringen um struktur und persönlichkeit angesichts gesellschaftlich vorgegaukelter, geld- und statusorientierter entfaltungs- und rollenvorgaben, durch die individuelle bedürfnisse und empfindungen verdrängt, eingelullt und zugeschüttet werden. Unverwüstlich scheint bei ihnen nurmehr ein inzwischen geradezu reflexhafter egoismus.

Der seinerzeit sehr erfolgreiche naturalistische schriftsteller konrad telmann (1854-1897) diskutiert in seinem umfangreichen werk soziale, politische, ethische und religiöse streitfragen seiner zeit, zeigt ihre exemplarische relevanz in konkreten sozialen, mitmenschlichen konstellationen und nimmt dabei durchgängig einen fortschrittlichen, aufklärerischen standpunkt ein. Im zusammenhang mit seinem gesellschaftlichen engagement wurde er mehrfach in gesellschaftliche, kirchliche und gerichtliche konflikte gezogen. - 'Bohémiens' wird hier erstmalig wiederveröffentlicht.

 

 
Albert Lamm: BETROGENE JUGEND

Ab 1926 arbeitet der maler albert lamm (1873-1939) als zeichenlehrer in einem tagesheim für (männliche) jugendliche erwerbslose in berlin-treptow. Der kritische außenseiter, lebenslang auf der suche nach sozialer wie künstlerischer wahrhaftigkeit, entwickelt geduldiges jugendfürsorgerisches/sozialpädagogisches engagement. Gerade in ihrer früh vom leben enttäuschten und verwundeten widerborstigkeit waren diese jungs ihm vermutlich näher, als er selbst wußte. Zu beginn versucht er noch in treuherziger spießbürgerlichkeit, den jungs die werte der gutbürgerlichen gesellschaft einfach überzustülpen. Aber lamm lernt in beeindruckender stringenz, sich in die situation der desillusionierten, von entsprechenden lebenserfahrungen abgestumpften jugendlichen einzufühlen.

Die gerade in den 20er jahren verbreitete hoffnung auf neue lebens- und gemeinschaftsformen kommt selbst bei dem in anderen aspekten konservativ wirkenden albert lamm an, der über seine jungs schreibt: "Sie sind mit nichts mehr verwachsen und werden mit dem alten Leben nirgends mehr verwachsen, mit dem sie nur noch die Lohndüte, die Stempelkarte und der Unterstützungsbetrag verbindet; aber in ihrer Gemeinschaft wächst eine neue Verbundenheit, die ausreicht, sie sich selber als eine neue und ganze Welt fühlen zu lassen, in der man nach neuen Formen eines den Menschen ausfüllenden Lebens sucht." - Aber er spürt durchaus auch die kehrseite solcher sehnsucht: "Es ist ein ungeheures gährendes Wünschen, was in dieser Jugend arbeitet - umschlossen von dem Zwange der großen Not der Zeit. Wer sich nicht dazu aufzuraffen vermag, zu fühlen, daß Gerechtigkeit und Menschlichkeit hier ein Helfen fordern, der sieht vielleicht wenigstens ein, daß Sicherheitsventile notwendig sind, um nicht einmal unsinnige Entladungen hochgespannter Kräfte heranwachsen zu lassen, um das Anwachsen des Chaos hintanzuhalten, von dessen unterirdischer Ausdehnung und vulkanischer Gewalt unter unserer alt gewordenen Welt leider die wenigsten eine rechte Vorstellung zu gewinnen sich bemühen mögen." 

Albert lamms bericht wurde 1932 im Bruno Cassirer Verlag Berlin veröffentlicht, - - als "adolf hitler"  im berliner volksmund erst eine sprichwörtliche bezeichnung war für ungebärdig herumbrüllende männer!

Das projekt selbst war zu diesem zeitpunkt schon kaputt, - stanguliert von sozialadminstativen vorgaben, mittelkürzungen und gleichgültigkeit der höheren bürokratie; auch hiervon berichtet lamm. Das buch durfte nach dem machtantritt der nazis nicht mehr vertrieben werden. - Aber was ist wohl aus diesen, aus solchen jungs geworden?

"Lamms Schrift gestattet teilweise soziologische Erfassung und Auswertung der Gestalt des aus dem gesellschaftlichen Produktionsprozeß herausgeschleuderten jugendlichen Erwerbslosen", wurde 1933 in max horkheimers 'Zeitschrift für Sozialforschung'  betont. - Heute ist das büchlein vor allem in den östlichen bundesländern in mancher hinsicht wieder aktuell; welche gesamtgesellschaftlichen folgen werden diesmal aus den entsprechenden sozialen zerstörungen erwachsen?

Die neuausgabe enthält ein ausführliches nachwort von mondrian v. lüttichau: 'Ein früher sozialpädagoge'.

 

 
Mondrian w. graf v. lüttichau: ELSTERN IN BERLIN

2., erweiterte auflage im oktober 2014.

Teil 1 + 2:

Aus dem tagebuch meiner ersten beiden jahre in westberlin (1984-86). Deutlich wird das ganz eigene lebensgefühl in dem von der mauer umschlossenen 'politischen gebilde', das - von innen gefühlt - kaum mehr mit der BRD zu tun hatte als mit frankreich oder holland. Dafür wurde ostberlin, die hauptstadt der DDR, bald zum untrennbaren teil meiner neuen heimat BERLIN. (Teil 2: "Anne F. nicht vergessen" kam in der 2. auflage hinzu.)

Teil 3:

Tagebuch der aufwühlenden zeit zwischen september und dezember 1989. Da saß ich in westberlin und habe atemlos, erschüttert und voller enthusiastischer spannung DDR-medien verfolgt und dann, vor allem nach dem 9.11., die täglichen veränderungen in ganz berlin miterlebt.

Teil 4:

Rund 500 bücher aus der DDR (und etliche filme) werden (mit bibliografischen angaben) aufgelistet, die zum großen teil schon jetzt vergessen sind. In ihnen ist viel vom lebensgefühl und vom alltag in der DDR bewahrt, - vielleicht mehr als in den wenigen allseits bekannten ('anerkannten') werken der DDR-belletristik. (Wurde für die 2. auflage ergänzt.)

Teil 5:

Textur des übergangs - fotos aus ost-berlin (1998-2000). (Neu in der 2. auflage.)

 

 
Michael Brink: REVOLUTIO HUMANA

 

'Revolutio humana', michael brinks 1946 erschienenes vermächtnis, ist kein buch nur für christen. Es meint menschheitliche bindung an die schöpfung und korrespondiert in mancher hinsicht mit gedanken martin bubers und dietrich bonhoeffers, mit nikolai berdjajew und meister eckhart. Auf dem hintergrund der unfaßlichen nazibarbarei reflektiert michael brink zwischen verzweiflung und hoffnung über die wahrheit katholischer, christlicher spiritualität – in der reinheit, schlüssigkeit und radikalität eines künders (propheten) und kämpfers – gerichtet an eine zukünftige gesellschaft: für uns.

Im august 1947 stirbt der katholische denker und widerstandskämpfer michael brink. – Wer in deutschland hätte ein buch wie 'Revolutio humana' lesen wollen in den folgenden jahren? Alltagsnot und wiederaufbau standen im vordergrund, traumatisches nichtbegreifen, leugnen und vertuschen, besatzungsmächte und Kalter Krieg.
Fünfzig jahre später sind auch in deutschland viele menschen wieder auf der suche nach religio, spiritueller verbundenheit mit dem sinn der welt. Zunehmend wird anerkannt, daß wir alle dabei unseren eigenen weg finden müssen. Michael brink geht es um "Religion verstanden als Verwirklichung und dauernde Instandsetzung der Bindung vom konkreten einzelnen Menschen zum konkreten persönlichen Gott." Auch christen sind wir nicht, weil wir als kind getauft wurden oder weil wir CDU/CSU wählen. – Jetzt könnte brinks flaschenpost von "Armut, Ganzheit und Freiheit" endlich entdeckt werden als moment der vielfältigen gegenbewegung zur progressiven entfremdung und verdinglichung, zum "Prozeß einer allgemeinen Entmenschlichung".

Michael brink verweist deutlich auf die weiterhin bestehende "Verheißung des Alten Bundes" (zwischen YHWH und israel). Sie impliziert nicht zuletzt die forderung, die gesetze gottes innerhalb der sozialen gemeinschaft zu verwirklichen. Von daher hat der jüdische glaube einen genuin politischen (nicht jedoch machtpolitischen!) anspruch. Das widerspricht für ihn offenbar keineswegs dem zeugnis jesu christi von der bindung (religio) an ein jenseits: "Der Christ ist nicht Bürger dieser Welt" – aber er "sieht vom Kreuz her die Zeichenhaftigkeit auch der größten Not."

Im letzten kapitel der 'Revolutio humana' geht es dem katholiken brink um eine "Vollendung der Reformation", wobei er kritisch anknüpft an den"lutherischen Aufruhr". Er nimmt in diesem zusammenhang nicht nur intentionen der heutigen ökumenischen bewegung vorweg, seine gedanken korrelieren auch eng mit martin bubers dialogischem verständnis und romano guardinis personaler pädagogik.

Emil piepke, der spätere autor michael brink, ist mir wichtig und herzensnah in seiner kämpferischen tiefgründigkeit, seiner der menschenwelt zugewandten christlichen religiosität; wie gerne hätte ich mich mit ihm austauschen wollen! – selbst wenn ich auch durch ihn kein christ geworden bin.

(Mondrian v. lüttichau, aus dem nachwort)

Siehe auch mondrian v. lüttichau: ''Armut, Ganzheit, Freiheit - Mensch werden nach Auschwitz? Michael Brink (1914-1947)'', in friedhelm köhler, friederike migneco, benedikt maria trappen (hg): ''Freiheit Bewusstheit Verantwortlichkeit: Festschrift für Volker Zotz zum 60. Geburtstag'' (münchen 2016, S.311-334)

 

 
Mondrian w. graf v. lüttichau (Hrsg.): VON DEN ELTERN

 Daß der versuch, meine psychosoziale entwicklung, mein gewordensein zu verstehen, sich als roter faden durch alles hindurchzieht, was mir im leben wichtig wurde, kann ich mir erst jetzt eingestehen, im rückblick.
Wohl erst aufgrund der durch den tod meiner eltern ermöglichten abgrenzung von ihnen fand ich den nötigen freiraum, mir wirklich gedanken zu machen auch über ihr leben, über ihre wahrheiten.

Diese veröffentlichung von briefen, aufzeichnungen, dokumenten und kommentaren könnte einiges von der pathologischen, leidvollen und (vor allem für die eltern) tragischen psychodynamik in meinem elternhaus vermitteln – und ist eine wichtige ergänzung zu meinen früheren darstellungen, die ich gleichwohl in keinem satz relativieren oder korrigieren kann. – Mithilfe ihrer briefe und aufzeichnungen habe ich manches von meinen eltern besser verstehen gelernt. Ich hoffe und glaube, daß durch diese dokumentation verständnis für ihr seelisches wie soziales schicksal auch bei außenstehenden entstehen könnte.

Solch nachträgliches verständnis für eltern führt allzu oft dazu, daß die erwachsen gewordenen kinder ihr eigenes kindheitsleid umdefinieren und verdrängen – mit weitreichenden folgen.
Etwas wie "nachgetragene liebe" (peter härtling) gibt es auch bei mir, - gleichwohl bin ich vorbehaltlos solidarisch mit dem kindlichen wolfi, in der zermürbenden beziehungs- und orientierungslosigkeit seines elternhauses. Es ist keine gesunde form von aufarbeitung, kindliches leid zu relativieren mit dem leid der dazugehörigen eltern!

Im vordergrund des verhältnisses zwischen meinen eltern und mir steht meines erachtens nicht unbedingt schuld, sondern eine tragik, in der mein elternhaus exemplarisch ist für allzu viele familien: Symptome früherer psychischer verletzungen werden (bei funktionierender sozialer fassade) in der nächsten generation ausagiert und bewirken dort neue psychische belastungen..

In dieser dokumentation soll zumindest ansatzweise etwas von der wahrheit meiner eltern deutlich werden – nicht zuletzt ihr oft hilfloses bemühen, mir gerecht zu werden und mich zu unterstützen – im rahmen ihrer seelischen möglichkeiten und ihres verständnisses.

Weitere fotografien aus dem umkreis meines elternhauses finden sich in meinem flickr-account, - hier!

 

 
<< Start < Zurück 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 Weiter > Ende >>

Seite 7 von 18
Increase Font Size Option 5 Reset Font Size Option 5 Decrease Font Size Option 5