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Martha Wertheimer: ENTSCHEIDUNG UND UMKEHR

  (Herausgeber: mondrian v. lüttichau)                                                                                              

Der hier erstmalig wiederveröffentlichte roman erschien 1937 (unter dem titel 'Dienst auf den Höhen'). Die autorin wurde 1942 ermordet, wahrscheinlich im vernichtungslager sobibor.

Martha wertheimer studierte in frankfurt/m., arbeitete als redakteurin, war fechterin, engagierte sich für das frauenwahlrecht. Sie verstand sich als zionistin und übernahm nach 1933 vielfältige aufgaben in entsprechenden institutionen, organisierte und begleitete transporte jüdischer kinder ins rettende ausland. Nachdem ihrer schwester (mit der sie dauerhaft zusammenlebte) der paß entzogen worden war, entschied sich auch martha, in deutschland zu bleiben. Sie engagierte sich stärker im religiösen leben, übernahm funktionen, die sonst rabbinern vorbehalten waren. Dabei orientierte sie sich an jüdischen gelehrten und (reform–) rabbinern, die brücken schlagen wollten zwischen dem 20. jahrhundert und dem spirituellen und ethischen gehalt der jüdischen tradition: leo baeck, martin buber, franz rosenzweig, max dienemann und anderen.

'Entscheidung und Umkehr' interpretiert das biblisch überlieferte geschehen um die könige david und salomo sowie salomos schwester tamar. Das unmittelbare bündnis gottes mit den juden als gemeinschaft legt das gewicht der religio (als rückbindung an eine übergeordnete grundlage menschlichen seins) auf die diesseitige menschliche gemeinschaft: Gottes wahrheit läßt sich nur im menschlichen miteinander verwirklichen! Die befreiung des judentums aus angemaßter macht oder totem ritual erwächst aus individuellen entscheidungen in der sozialen gegenwart; - diese grundlage der jüdischen religiosität gilt für martha wertheimer (in orientierung vor allem an dem religionsphilosophen martin buber) auch für ihre eigene zeit - und sie ist heute mehr denn je eine relevante alternative zum christlichen verständnis göttlicher gnade.

'Entscheidung und Umkehr' ist darüber hinaus eine der ersten (angemessenen) literarischen darstellungen der folgen einer vergewaltigung im kindesalter aus dem blickwinkel der betroffenen frau. Herzzerreißend deutlich wird das persönliche leid des mädchens tamar als opfer männlicher arroganz der macht vermittelt - tamars versuche, die vergewaltigung durch den halbbruder seelisch zu überleben. Im ganzen buch wird martha wertheimers besondere aufmerksamkeit deutlich für das empfinden der beteiligten frauen, ein blickwinkel, der in der biblischen überlieferung keine rolle spielt. - 'Entscheidung und Umkehr' wird getragen von wertheimers sehnsucht nach einer menschenwürdigen welt jenseits von patriarchalischer machtgier – und ihrer hoffnung darauf. Hier hat martha wertheimer ihre liebe zum leben bewahrt, ihre tiefe menschenkenntnis und ihre trauer über das leid, das wir menschen einander zufügen ungewollt oder willentlich, zu allen zeiten. Das buch ist eine der bedeutenden botschaften des vernichteten deutschen judentums, ist teil des zeitlosen widerstands gegen zerstörung des lebens durch vom ganzen der welt abgespaltene menschenmacht.

Mit einem anhang: Martha wertheimer über hanna rovina und das zionistische theater HABIMA.

(Achtung: Martha wertheimer wurde 1890 geboren, nicht 1880, wie im buch behauptet. Der fehler wird in einer späteren auflage korrigiert werden!)

Ebenfalls bei A+C wiederveröffentlicht wurde martha wertheimers 1933 erschienener antimilitaristischer krimi "Maschine F 136".

 

auc-39-wertheimer.pdfalt 1,73 MB     

 
R. Gilbert-Lecomte/ M. Henry/ R. Daumal: LE GRAND JEU (1928-32)

Eine auswahl


1924. Einige 16- und 18jährige franzosen gründen die Gruppe der Simplisten. Es geht ihnen um fragen, die sich jeder von uns stellt, bevor er in pseudo-gewißheiten zur persönlichkeit erstarrt: Was ist ich? Was ist identität? Was ist der tod? Was begrenzt der körper? Was geht über diese grenze hinaus? - Die jungen leute sind aufständische, radikal genug, ihre eigene revolte zu zerfleischen, systematisch alle gewißheiten, alle anhaltspunkte zu verweigern, um den nullpunkt der verzweiflung zu erreichen.

1925 finden sich die Simplisten in paris wieder. Hier publizieren sie ab 1928 ihre zeitschrift LE GRAND JEU. Vergeblich bemüht sich andré breton, daumal und gilbert-lecomte für die surrealisten zu gewinnen. René Daumal schreibt:

"Sehen Sie sich vor, André Breton, daß Sie später nicht in den Handbüchern zur Literaturgeschichte erscheinen, während wir dagegen, falls wir uns um irgendeine Ehre bewerben, um die werben, für die Nachwelt in die Geschichte der Katastrophen eingeschrieben zu sein."

Drei nummern von LE GRAND JEU erscheinen, die vierte scheitert am geldmangel. 1933 bricht die gruppe auseinander. Roger gilbert-lecomte stirbt 1941 an wundstarrkrampf, René daumal 1944 an tuberkulose.

Die erstausgabe dieser deutschen auswahl aus LE GRAND JEU erschien in der EDITION TIAMAT (nürnberg 1980), bekam eine gewisse bedeutung bei einigen hausbesäzzerInnen in nürnberg, wuppertal und berlin, wurde aber ansonsten nur als fußnote zum (mode-)thema surrealismus rezipiert. Irgendwann war die ausgabe vergriffen.

In manchmal visionärer, spiritueller klarheit waren diese jungen leute zerstörungen, irrwegen, aber auch möglichkeiten ihrer (unserer) zeit auf der spur. - LE GRAND JEU versteht individuelle dialektische metamorphosen als grundlage von revolution (oder revolte). Aus dem blickwinkel einer induktiven, innengeleiteten revolution nehmen diese poetisch-politologischen visionen momente heutiger ideologiekritik voraus. Von daher korrelieren die ungestümen behauptungen der jungen leute mit heterogenen ansätzen wie der DIALEKTIK DER AUFKLÄRUNG (horkheimer/adorno) oder den SITUATIONISTEN um guy debord.

In frankreich, sogar in englischsprachigen ländern hat eine junge avantgarde LE GRAND JEU mittlerweile neu entdeckt. Es gibt eine französische gesamtausgabe, eigene werke der akteure wurden (wieder-)veröffentlicht und ins englische übersetzt. - Und in deutschland?

 

 
Jürgen Haug: KELLERASSEL

"Ich möcht nur wissen, warum du immer den Außenseiter spielen willst?!" - Das bekommt jörg, geboren 1943, schon als jugendlicher von der mutter zu hören. Bereits im ersten kapitel (da ist er zwölf) ahnen wir seine homosexualität.

Im mittelpunkt steht zunächst der sozialisationsdruck, der männlichen jugendlichen in der BRD der 50er- und 60erjahre nur zwei möglichkeiten einer sexuellen identität ließ: entweder ganz und gar einzusteigen in die heterosexuelle rolle des "richtigen mannes", mit all ihren banalitäten, gemeinheiten, ihrer fast schon ritualisierten beziehungslosigkeit, ihren blöden und bösen witzen, den entsprechenden vorbildern von älteren und aus den medien, - oder aber gnadenlos in die diskriminierend gemeinte schublade des "schwuli" gesteckt zu werden.

Deutlich präsentiert uns der autor die teilweise pogromhafte gewalt etablierter rollenmuster und anderer gesellschaftlicher kriterien, zwischen denen menschen, die ihnen nicht entsprechen, bereits in der kindheit von gleichaltrigen hin- und hergetrieben werden. Einer unter erwachsenen (hierzulande, heutzutage) subtileren latenten pogromstimmung (im "freundeskreis", im arbeitsleben) sind diejenigen ausgesetzt, die "sich nicht anpassen" an soziale normen, die es wagen, "außenseiter" nicht nur zu sein, sondern auf ihrem recht beharren, zu leben, wie sie es für richtig halten (ohne andere zu beeinträchtigen).

Auch bei ich-synton schwulen männern bleibt die seit der kindheit anerzogene diskriminierung von homosexualität noch lange zeit bestehen, das grundlegende bedürfnis nach sozialer zugehörigkeit sowieso. Deshalb wird mitgemacht beim alltäglichen small talk; (hetero-)sexuelle anspielungen, empfindungen und begegnungen werden inszeniert, über schwulenwitze wird mitgelacht, frauenfeindliche sprüche sollen die eigene "männlichkeit" dokumentieren. Tödlicher, lähmender Defaitismus! – schrieb eine freundin bei einer entsprechenden stelle in mein exemplar des buches. Die angst vor sozialer ausgrenzung hat sich oft verselbständigt und führt zu anpassung auch in belanglosigkeiten. Das alles verstärkt selbstverachtung und Falsches Selbst sowie die fixierung auf den platt-sexuellen aspekt des schwulseins. Der schritt in eine schwule (oder lesbische) subkultur – die es in den 70er jahren erst ansatzweise gab – hat aspekte von flucht, von schutz ebenso wie von befreiung.

Tarnen und Täuschen ist zu jener zeit das grundprinzip schwulen lebens in der normalität; das coming out bleibt verstrickt in rhetorische versuchsballons, taktische erwägungen und lügen. Schwule anmache ist genauso banal wie heterosexuelle anmache. Nur verzweifelter und deprimierender, – und immer verbunden mit der angst vor sozialer ablehnung (und schlimmerem), sofern das gegenüber keine szenetypischen signale gibt. Und daneben immer das gequatsche der anderen, der normalen.

Das coming out ist keine einmalige entscheidung, sondern muß für jede soziale situation, oft für jeden vertrauten menschen einzeln durchgestanden werden, - jedesmal mit unterschiedlichen argumenten, empfindungen (auf beiden seiten) und unterschiedlichen gefahren, abgelehnt zu werden. 'Kellerassel' ist neben allem anderen eine sozialpsychologische studie zur kommunikation unter schwulen jungen männern (zu jener zeit), - zugleich liest sich das buch (das aus einem hörspiel entstanden ist) wie ein film, spannungsvoll, atemlos und soghaft präsent; – wie schade, daß bislang kein regisseur es entdeckt hat!

Letztlich geht es jedoch um mehr, - um die soziale, gesellschaftliche "normalität", erfahren aus dem blickwinkel des "außenseiters".

Jürgen haugs figuren haben allesamt nahezu keine individuelle lebensperspektive, sie spüren kaum intentionen in sich außer den anforderungen vorgegebener sozialer rollen und ziele entweder zu ent- oder zu widersprechen; – das ganze leben wird ihnen zur "gewohnheitssache". Sie sind "ganz normal" – auch und gerade der schwule (unfreiwillige) "außenseiter" jörg. So ein leben hat seinen preis. Es stabilisiert sich über alltägliche trägheit des herzens, unsensible grenzüberschreitung und oberflächlichkeit im umgang der menschen miteinander, über lebenslügen, selbstbetrug, rationalisierungen. Durch "normale" suchtformen (zigaretten, kino, alkohol, sex, konsum, karriere) oder illegale drogen, durch die assoziationsreflexe des small talk nur notdürftig kaschierte innere und äußere leere und beliebigkeit des alltagslebens gehören zu diesem teufelskreis der entfremdung. Weil individuelle ressourcen für situationen ohne eindeutige konsensuelle empfindungs- und verhaltensvorgaben kaum zur verfügung stehen, wird dann in reflexhafter selbstverständlichkeit gelogen. In verhängnisvoller solidarität werden verletzende, unsoziale verhaltensweisen aneinander hingenommen, mitmenschliche ansprüche senken sich zunehmend. Noch das ehrlichste ist (manchmal) eine ahnung, daß irgendwas daran nicht stimmt.

Auf grundlage des Falschen Selbst (winnicott) können nur falsche, unechte begegnungen und beziehungen entstehen. Es sind nichtbeziehungen, leer wie in theaterstücken samuel becketts, wie bilder von edward hopper. Jürgen haug verdeutlicht gestörte, unwürdige zwischenmenschliche kontakte als normalität; – und nicht selten bricht sich die hilflose sehnsucht nach authentischen begegnungen bahn in lächerlichmachen, selbsthaß und gegenseitiger verachtung. – Auf einer anderen ebene liegt pure gewalt, der in besonderem maße menschen ausgeliefert sind, die auf solidarität und hilfe ihrer mitmenschen kaum hoffen können, weil sie "anders" zu sein scheinen. Vor allem in kindheit und jugend haben entsprechende erfahrungen mit gleichaltrigen nicht selten traumatisierendes gewicht und führen im weiteren leben zu sozialem rückzug, alpträumen und depressiver grundstimmung. Das vorliegende buch macht eine derartige kontinuität nachvollziehbar.

Jürgen lothar harald haug wurde 1940 geboren. 1962 begann er, sich in der BRD als hörspielautor zu etablieren. 1975 erschien seine dokumentation 'Aufzeichnungen aus einer Wandererherberge'. (Auch sie wurde bei AUTONOMIE UND CHAOS BERLIN wiederveröffentlicht.) Das vorliegende buch erschien 1981. Trotz einiger wohlwollender, sogar begeisterter rezensionen fanden beide werke keine nachhaltige öffentliche aufmerksamkeit. – Jürgen haug starb am 2. juli 2012.

(Aus dem nachwort von mondrian v. lüttichau)

 

 
Harald Graf v. Lüttichau: GESCHICHTE DER FAMILIE

           (Hrsg. mondrian v. lüttichau)                                                                           

Dieser zentrale band der von meinem vater (1921-1999) begründeten 'Beiträge zur Familiengeschichte der Herren, Freiherren und Grafen v. Lüttichau' wird hier in 2. auflage online veröffentlicht, inhaltlich im wesentlichen unverändert, jedoch digitalisiert und in neuem lay out. Er enthält eine genealogisch strukturierte zusammenstellung von daten der namensträger ab 14. jahrhundert (nach dem kenntnisstand von 1985). Grundlage der familiengeschichte sind vom autor seit etwa 1940 erforschte und gesammelte quellen und regesten. Diese sind dokumentiert in den weiteren bänden der 'Beiträge zur Familiengeschichte..' (die eingesehen werden können in verschiedenen landes- und universitätsbibliotheken, genealogischen archiven sowie bei familienmitgliedern). Für die online-neuauflage hinzugefügt wurden etliche abbildungen sowie erläuterungen.

Genealogisch orientierte familiengeschichte bedeutet mir an sich nichts. "Verwandten" fühle ich mich nicht per se verbundener als "nichtverwandten" menschen. Gleichwohl gab es seit meiner kindheit immer wieder austausch mit meinem vater über sein lebensthema, - was ihn öfters hoffen ließ, ich könnte seine arbeit einmal fortführen oder doch bewahren.

Für mich haben derlei dokumentationen eher sinnlich-symbolische bedeutung. Sie tragen bei zum bewußtsein, mit letztlich allen menschen, mit der ganzen welt verbunden, vernetzt, verflochten zu sein, - verwurzelt zu sein in der welt. Während der arbeit an dieser neuausgabe wurde mir bewußt, wie viele menschliche schicksale sich entfaltet haben, ohne die es mich nicht gäbe, - gerade in sachsen, wo ich an der neuausgabe arbeitete: dörfer, rittergüter, zerstörungen, heiraten.. - Natürlich ist sowas keine ganz neue erkenntnis, aber sie wurde mal wieder sinnlich greifbarer für mich.

So meint die neuherausgabe der familiengeschichte keine wendung in die vergangenheit, sondern vielmehr den impuls, bewußtsein für die realität des vergangenen in der und für die gegenwart zu wecken.

Fotos zur geschichte der familie v. lüttichau finden sich in meinem flickr-account, - hier!

Hinweise zu wolff caspar v. lüttichau, dem stammvater der skandinavischen lüttichaus, und seiner herkunft aus bad düben/sachsen: Link 1 und Link 2.

 

GESCHICHTE DER FAMILIE (HARALD GRAF v. LÜTTICHAU):

auc-51-familiengeschichte.pdfalt 13,90 MB  (Download dauert etwas länger - bitte geduld!)

 

Siehe auch die neue GENEALOGISCHE FAMILIENGESCHICHTE IN BENUTZERFREUNDLICHER DARSTELLUNG:

 
Mondrian w. graf v. lüttichau: AUSSENSEITER-ALLÜREN. Anatomie einer kriegserklärung

Eine gekürzte, aber ansonsten sprachlich und inhaltlich authentische fassung meiner ersten tagebücher, als 14-18jähriger. Im mittelpunkt steht die schrittweise distanzierung und abgrenzung von den eltern – nicht vorrangig in demonstrativen kampfgebärden, vielmehr als reflexionsprozeß, bei dem in zunehmendem maße das mir eigene sich herauskristallisierte. Deutlich werden im elternhaus momente von überbehütung, beziehungsleere und parentifizierung. Nachdenken, lesen und schreiben sind die ersten alternativen, aber schon in dieser zeit zeigt sich meine suche nach authentischen begegnungen als zentrale lebensbewegung. – "Außenseiter-allüren" hatte seinerzeit meine mutter mir vorgehalten: doppelt verächtlich, indem noch nichtmal mein außenseiter-sein ernstgenommen wurde.

Der untertitel meint meinen damals bewußt werdenden widerstand gegen entfremdete (verdinglichte) zwischenmenschliche beziehungen, gegen trägheit des herzens, verlogenheit und egoismus als grundlagen der "normalität" in unserer menschenwelt.

 

 
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